Die Hölle auf hoher See

Rom/Athen..  „Es ist jetzt nur noch der Kapitän da, der wie alle guten Kapitäne als Letzter von Bord geht“, sagt Italiens Regierungschef Matteo Renzi. Viele atmen auf. Die Evakuierung der havarierten Adria-Fähre „Norman Atlantic“ ist nach etwa 36 Stunden beendet. Es war ein langer Kampf, den mindestens zehn Menschen verloren haben. 427 Menschen seien gerettet worden. Die Suche nach möglichen Vermissten gehe weiter. An Bord waren laut Passagierliste 478 Menschen. Darunter 18 Deutsche.

Panik und Schlägereien brachen unter den Hunderten Passagieren aus, die eine gefühlte Ewigkeit auf Hilfe warten mussten. „Man wollte Kindern, älteren Menschen und Frauen Vorrang bei der Rettung geben“, sagt die griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou, die auch an Bord war, der Zeitung „La Repubblica“. Aber einige Männer hätten sich nicht darum geschert, „sie schlugen uns und schoben uns weg, um sich als erste in Sicherheit zu bringen“. Sie hat es geschafft, der Hölle auf hoher See zu entkommen.

Passagiere erzählen von dem Chaos, nachdem am Sonntag vor der griechischen Insel Korfu ein Feuer ausgebrochen war. „Man hat uns keine Anweisung gegeben. Es gab nur einen einzigen Notausgang auf Deck 6 in Richtung Bug. Es herrschte dort absolute Panik wegen des Gedränges. Es gab keinerlei Koordination, niemand hat die Leute beruhigt“, sagt etwa Rania Thireou im griechischen Fernsehen. „Das größte Rettungsboot für 150 Menschen war mit nur 60 Leuten besetzt. Das Personal war praktisch nicht vorhanden.“ Zudem sei das Schiff der griechischen Linie Anek Lines in letzter Minute ausgewechselt worden. „Wir fühlten uns, als ob wir auf einem Schiff in der Dritten Welt reisen sollten.“

Andere erzählen von ihrer Verzweiflung. „Mein Mann und ich sind mehr als vier Stunden im Wasser gewesen. Ich wollte ihn retten, habe es aber nicht geschafft“, erzählt die Frau eines Todesopfers, Teodora Douli. Ein Elfjähriger liegt im Krankenhaus von Copertino in Süditalien und wartet auf Nachrichten von seinem Vater. „Geht es Papa gut? Wo ist er?“

Große Probleme bereitete den Helfern das Wetter. Bei meterhohen Wellen kann kein anderes Schiff an der „Norman Atlantic“ anlegen und die Menschen von Bord holen. Zu groß wäre das Risiko, dass beide Schiffe einen folgenschweren Schaden davontragen. Der griechische Schifffahrts-Experte Giorgos Margetis sagte im Fernsehen, bei dem Unfall seien mehrere unglückliche Umstände zusammengekommen. „Zunächst das Feuer, das sich ausgesprochen schnell ausgebreitet hat. Feuer ist das Schlimmste, was auf einem Schiff passieren kann. Dazu hatten wir extrem schlechtes Wetter, bis Windstärke zehn. Das passiert auf unseren Meeren vielleicht zwei, drei Mal im Jahr.“

Die Passagiere wurden mit Helikoptern auf Schiffe und Frachter verteilt und dann ins süditalienische Apulien gebracht. Dort wurden sie den umliegenden Krankenhäusern zugewiesen.

Die Staatsanwaltschaften im italienischen Bari und Brindisi leiteten Ermittlungen wegen fahrlässigen Schiffbruchs und fahrlässiger Tötung ein. Geprüft werden müssen auch Vorwürfe, wonach bei der „Norman Atlantic“ Mängel festgestellt worden waren und dass das Autodeck überfüllt war.

In Italien wecken die Schilderungen schmerzhafte Erinnerungen an die Havarie der „Costa Concordia“ im Januar vor drei Jahren. Damals fuhr der Kreuzer mit mehr als 4200 Menschen auf einen Felsen vor der Insel Giglio, 32 Menschen starben. Dem Kapitän Francesco Schettino wird derzeit der Prozess gemacht.