"Die Folgen der Tat" - Autorin arbeitet Ponto-Mord auf

Für ihren Film "Die Folgen der Tat" spricht Julia Albrecht mit ihrem Bruder Matthias.
Für ihren Film "Die Folgen der Tat" spricht Julia Albrecht mit ihrem Bruder Matthias.
Foto: WDR/zero one film
Was wir bereits wissen
RAF-Mord am Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto. Susanne Albrecht fungierte als Lockvogel. Die beiden Familien waren befreundet. Ein ARD-Film hakt nach.

Köln.. Als es am 30. Juli 1977 an der Haustür im noblen Taunus-Ort Oberursel klingelte, ahnte das Personal der Familie Ponto nichts Böses. Eine Bekannte bat um Einlass: die damals 26 Jahre alte Susanne Albrecht. Ihr Vater Hans-Christian Albrecht war der beste Freund des Hausherrn, Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto.

Buback-Mord Was Ponto nicht wusste: Susanne Albrecht und ihre beiden Begleiter, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt, gehörten zur Terror-Gruppe RAF. Was im Esszimmer der Pontos als Entführung begann, endete nach Schüssen von Albrechts Begleitern auf den Top-Banker als Mord.

Die Tat markiert nicht nur den perfiden Höhepunkt einer Mordserie, die als Deutscher Herbst in die Geschichtsbücher eingehen sollte, sondern auch eine doppelte Familientragödie. Filmemacherin Julia Albrecht arbeitet sie in einer bewegenden Doku auf: "Die Folgen der Tat".

Julia Albrecht hatte eine ganz besondere Beziehung zu dem Opfer, den ihre 13 Jahre ältere Schwester als Symbolfigur eines vermeintlichen Unterdrückersystems in eine tödliche Falle gelockt hatte: Ponto war ihr Patenonkel. Filmemacherin und Autorin Julia Albrecht fühlte sich lange Jahre mitschuldig.

Zeitgeschichte und Familientherapie

So funktioniert ihr 80-minütiger Film auf zwei Ebenen. Einerseits zeigt er, wie Anwaltstochter Susanne Albrecht zur linken Terroristin wurde – mithin ein Stück Zeitgeschichte. Andererseits ist die Doku auch ein Stück Familientherapie.

Nesthäkchen Julia Albrecht hat versucht, ihre Familien-Mitglieder zum Reden zu bringen. Die wichtigste Person verweigerte sich: Susanne Albrecht, die heutzutage unter neuem Namen in Bremen als Lehrerin arbeitet. Julia Albrechts älteste Schwester Elisabeth mochte sich nicht vor der Kamera äußern. Vater Albrecht starb kurz vor Beginn der Dreharbeiten.

RAF Julia Albrecht veranstaltet kein Familien-Tribunal, bei dem es um Schuldzuweisungen geht. Sie stellt – auch harte – Fragen. Vor allem ihre Mutter Christa stellt sich ihnen. Dazu gehört Mut, wie bereits der kurze Einstieg beweist. Julia Albrecht will wissen, ob ihre Mutter die Frau des Getöteten nach der Tat in den Arm genommen habe.

„Ja“, sagt Christa Albrecht, Jahrgang 1926, ohne zu zögern. Julia Albrecht verweist auf die Absurdität der Umstände. „So wie alles unmöglich war, so ist auch dies gegangen“, erwidert ihre Mutter trocken. Zugleich erfährt der Zuschauer, dass dies die für Jahrzehnte letzte Begegnung zwischen Christa Albrecht und Ignes Ponto war. Bei der Beerdigung des Finanz-Managers fehlte die befreundete Familie.

Julia Albrecht kramt im Familien-Archiv

Während Christa Albrecht in Erinnerungen kramte, kramte Julia Albrecht im Familien-Archiv. So wird im besten Sinn anschaulich, dass Familie Albrecht das Nachkriegsdeutschland in zweifacher Hinsicht verkörperte. Die jungen Eltern distanzierten sich bewusst von der Nazi-Zeit und wollten ihren Beitrag zum Aufbau eines friedliebenden Westdeutschlands leisten.

Zugleich liebte es „Krischi“ Albrecht, wie Familie und Freunde ihn nannten, seinen Wirtschaftswunder-Wohlstand zu zeigen. Genau das aber lehnte Susanne Albrecht ab. Sie zog fürchterliche Konsequenzen daraus.

Julia Albrecht indes arbeitete die Familien-Geschichte auf – auch in einem Buch mit Ponto-Tochter Corinna. Seither haben die beiden Mütter wieder Kontakt.

Fazit: Großartiger Doku gelingt Balance zwischen Zeit- und Familiengeschichte.

Mittwoch, 27. Mai, ARD, 22.45 Uhr