Die andere Seite von „Freddy“

Köln..  „Freddy tanzt“ erst mal aus der Reihe. Das Leben des verheirateten Kölner „Tatort“-Fahnders Freddy Schenk (Dietmar Bär) gerät aus dem Takt. Kollege Ballauf (Klaus J. Behrendt) sieht verwirrt zu, wie sich Schenk in eine Zeugin (Ursina Lardi) verliebt. Mehr noch: Ballauf reagiert auf Schenks Frühlingsgefühle so eifersüchtig wie ein Ehepartner vor der Trennung. Kurzum: Fall und Arbeitsbeziehungen sind eng miteinander verzahnt.

Den nur scheinbar im Orchester-Milieu spielenden Fall entrollt Regisseur Andreas Kleinert gemächlich. Ein höchstbegabter Pianist (Matthias Reichwald) aus bürgerlicher Familie ist derart mollgestimmt, dass er schließlich bei Obdachlosen unter der Deutzer Brücke landet. Ein Versuch, als Bar-Pianist wieder in einen geregelten Alltagsrhythmus zu kommen, scheitert jämmerlich. Ein angetrunkenes Testosteron-Trio von jung-dynamischen Erfolgsbankern trägt maßgeblich dazu bei, dass er erst seinen Job und dann auch noch sein Leben verliert. Das kommt so: Einer der drei Banker wird von seinen Kollegen gemobbt. Seinen Frust lässt er in einer Gewalt-Orgie an dem gescheiterten Künstler aus – eine Szene, die im Kern erschreckend lebensnah ist.

Das Opfer erliegt aber nicht direkt seinen Verletzungen. Vielmehr verblutet es wegen unterlassener Hilfeleistung. Deshalb fragt der Krimi nicht in erster Linie: Wer war’s? Stattdessen wird Jürgen Werners Geschichte eher von der Frage getrieben: Warum musste der junge Mann sterben?

Die Ermittlungen führen Schenk und Ballauf in ein ehrenwertes Haus gut situierter Großstädter. Im Zentrum stehen drei Bewohner: eine verhuschte Kitschroman-Autorin (Anna Stieblich), ein vordergründig kerniger Eishockey-Trainer (Robert Gallinowski) und vor allem eine allein erziehende Kunstprofessorin mit Neigung zu nächtlichem Doppelleben (Ursina Lardi).

Ausgerechnet diese Frau bezirzt Freddy Schenk, der sonst mit seinem Job verheiratet ist. Folgerichtig verbringt er daher mehr Zeit mit dem Kollegen Ballauf als mit seiner Ehefrau, die deshalb konsequenterweise in diesem wie in den letzten Folgen nicht in einer einzigen Einstellung zu sehen war. Die Vermischung von Persönlichem und Dienstlichem behindert selbstverständlich die Ermittlungen. Doch Ballauf verhindert Schlimmeres. Dabei verbindet der unterschwellig missgünstige Kollege das Nützliche mit dem Angenehmen.

Es geht umMangel an Zivilcourage

Nebenher diskutiert der Film über Beinahe-Seitensprünge und das Problem-Thema Homosexualität im Sport. In der Hauptsache aber geht es in dem Film um einen Mangel an Zivilcourage – auch wenn die biederen Bewohner des noblen Appartement-Hauses durchaus individuelle Motive hatten, warum sie einem Menschen in Not nicht halfen.

Ihre psychologisch grundierte Sozialstudie tränken Drehbuch-Autor und Regisseur Gott sei Dank nur mit geringen Mengen Moralin-Säure. Einen finsteren Moment des Films erzählen die beiden sogar beiläufig mit absurdem Humor, als ein pensioniertes Blockwart-Paar mit esoterischen Anwandlungen seine Schwerhörigkeit taktisch einsetzt. Loriot lässt grüßen.

Ach ja, und am Ende rettet Schenk seine Ehe. Freddy tanzt.

Fazit: Mäßig spannend, aber psychologisch stimmig. Film wirbt unaufdringlich für mehr Menschlichkeit.

ARD, 20.15 Uhr