Die Abgründe am Gymnasium

Wiesbaden..  Ein 17-Jähriger packt morgens in seinem Zimmer seine Sachen für die Schule: Bücher, eine Wollmaske, eine Pistole. „Ihr habt es nicht anders verdient. Ihr habt es euch selbst zuzuschreiben“, lässt Teenager Nikolas in der unaufgeräumten Bude eiskalt vor seiner Videokamera verlauten. Als kurz darauf im Wiesbadener Conrady-Gymnasium ein Amokläufer zwei Schüler und die Direktorin tötet, fällt der Verdacht auf den inzwischen abgetauchten Jungen aus armen Verhältnissen. Doch Kommissarin Heller (Lisa Wagner), die mit ihrem Kollegen Verhoeven (Hans-Jochen Wagner) den Schauplatz untersucht, spürt bald, dass die Lösung nicht so einfach sein dürfte. Der Fall „Querschläger“ läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

Nicht nur stellt sich die Schule in der gepflegten hessischen Kurstadt als Ort von Mobbing, Erpressung, Nötigung und Vergewaltigung heraus, an dem die Leiterin Heranwachsende schon mal „in den Knast“ wünscht. Auch die zwei noch nicht aneinander gewöhnten Ermittler haben ihr Päckchen an seelischem Leid zu tragen - in beider Familien ist die Welt längst nicht in Ordnung.

Verschrobene Singlefrau

Heller braucht regelmäßig psychologische Hilfe, denn sie kommt über den Tod ihrer Schwester nicht hinweg und liegt mit ihren Eltern quer. Und der behäbige Verhoeven fühlt sich im Wohlstandseigenheim neben Frau und Tochter fast wie ein Fremder. Als ambitionierte Gesellschaftsstudie voller Einsamkeit und Gewalt kommt der dritte Fernsehkrimi um die jungenhafte, introvertierte „Kommissarin Heller“ daher.

An diesem Samstagskrimi fällt besonders die Bildsprache positiv auf: Neben glasklaren, cool wirkenden Aufnahmen sind zu nervös flirrender Tonkulisse immer wieder verfremdete, fehlbelichtete Ansichten eines aus den Fugen geratenen Alltags wahrzunehmen. Und darstellerisch sorgt vor allem die feinnervig zurückhaltende Kunst Lisa Wagners - lange Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel München - für Glaubwürdigkeit im dramatischen Geschehen.

Mehr und mehr zieht die neue Hauptdarstellerin (mit Hans-Jochen Wagner weder verwandt noch verschwägert) den Zuschauer dazu in die Hintergründe der persönlichen Entwicklung ihrer Winnie Heller hinein. Das erklärt dann auch, warum es bei der hübsch verschrobenen Singlefrau mit Goldfischen in der Wohnung in Liebesdingen gerade mal zum One-Night-Stand mit einem SEK-Mann reicht - den sie hinterher gnadenlos abserviert. All das erhöht zusehends das Interesse an „Kommissarin Heller“ - selbst wenn es die dritte Geschichte mit ihrem thrillerartigen Bemühen um Bedeutung und dem Auffinden gestörter zwischenmenschlicher Beziehungen an so ziemlich allen Ecken und Enden der Gesellschaft ganz heftig übertreibt.