Der Tiger Tom Jones faucht noch – ein bisschen

Da war er noch der „Tiger“: Tom Jones bei einer Preisverleihung vor zwölf Jahren
Da war er noch der „Tiger“: Tom Jones bei einer Preisverleihung vor zwölf Jahren
Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
Was wir bereits wissen
Vom Bergmannssohn zum Weltstar: Tom Jones hat eine Langzeit-Karriere hingelegt – mit toller Stimme und viel Sex-Appeal. Jetzt wird er 75.

London.. Früher haben sie ihn ja „Tiger” genannt. Weil er so brüllen konnte beim Singen. Da waren die Haare aber noch schwarz und die Frauen verrückt nach ihm. Slips und Büstenhalter haben sie bei Konzerten auf die Bühne geworfen, dass es nach der Show dort aussah wie in einem Dessousladen nach dem Schlussverkauf. Heute ist die Lockenpracht ergraut, aber damit kann er leben, sagt er: „Immerhin sind ja noch Haare da.“ Nur dass die Unterwäsche mittlerweile eingeschweißt in Plastiktüten auf ihn zufliegt, das findet er befremdlich. Aber so ist das, wenn man 75 Jahre alt wird – selbst wenn man Tom Jones heißt.

Eine unglaubliche Stimme

In seinem Pass steht zwar Tom Woodward, aber mit dem Nachnamen Jones auf dem Cover hat er in den letzten 50 Jahren mehr als 100 Millionen Platten verkauft. Dabei sollte er eigentlich Bergarbeiter werden. So wie der Vater und alle anderen Männer in der Familie es waren. Doch als Kind bekommt er Tuberkulose. „Mach, was du willst“, sagt der Arzt, als Klein-Tom wieder auf den Beinen ist. „Aber in die Kohleminen kannst du nicht.“

So arbeitet Jones in einer Handschuhfabrik und schlägt sich als Vertreter für Staubsauger durch. Er muss Geld verdienen, er hat bereits Familie. Gerade 16 ist er, da schwängert er seine Klassenkameradin Melinda und heiratet sie. Das hindert ihn aber nicht daran, abends in Clubs oder bei Hochzeiten Musik zu machen. Erst in der Provinz, später auch in London. Da wird er entdeckt. Zwangsläufig. Denn er hat eine unglaubliche Stimme, singt unverkennbar. Bis heute.

Rock Bereits die zweite Single „It’s Not Unusual” wird ein Nummer-eins-Hit. Tom darf die Titelmusik des James-Bond-Films singen. „Thunderball” (Feuerball) macht ihn endgültig zum Superstar. Und zum Sexsymbol jener Tage. Leidenschaft trifft Lendenkraft. Frauen reißen sich fast die knappen Kleider vom Leib, wenn er die Bühne betritt. Und Jones tut nichts, um sie daran zu hindern. Hemden trägt er offen bis zum Gürtel. Am Arm blinkt eine dicke Uhr, am Hals hängt viel Gold über der dichten Brustbehaarung, die entgegen anderslautenden Behauptungen nie für sechs Millionen Dollar versichert war. Obwohl es einen nicht gewundert hätte.

Nur Elvis kann damals noch mithalten. Sie werden Freunde. „Sexy waren wir beide. Er hatte den besseren Hüftschwung, dafür saßen meine Hosen enger“, findet Jones. Dass er sich für diesen engen Sitz angeblich die Innentaschen seiner Beinkleider hat heraustrennen lassen, sagt er nicht.

Jones schwärmt von „Delilah“, fragt „What’s New Pussycat“, sehnt sich nach dem „Green, Green Grass Of Home“ und fordert „Help Yourself“ – fünf Jahre landet Jones Hit auf Hit. Dann geht er nach Las Vegas, weil er in England 98 Prozent Einkommenssteuer zahlen muss. In den Casinos am Strip wird er in den 1970er-Jahren gefeiert, die Frauen reißen sich... Aber das hatten wir schon.

Treu war Jones nie,aber seine Ehe hält bis heute

Jones spuckt nicht ins Glas, lässt nichts anbrennen. Dennoch ist er bis heute mit Melinda zusammen. „Ich hatte nie vor, meine Frau zu verlassen.“ Und auch sie bleibt, allen Affären des Ehemanns zum Trotz. „Man muss dem anderen genug Raum geben und die Art respektieren, wie er sein Leben lebt“, sagt Jones dazu nur.

Buchmesse Anfang der 1980er-Jahre werden seine Glitzershows in der Glücksspielstadt immer schlechter besucht. Keine Plattenfirma will Jones mehr einen Vertrag geben. „Überholt” nennen sie seine Musik. Bis er 1988 mit der Band „Art Of Noise” einen Song von Prince covert. „Kiss” ist der Beginn seiner zweiten Karriere, die knapp zehn Jahre später mit „Sex Bomb” ihren vorläufigen Höhepunkt findet.

Mittlerweile ist Jones, den die Queen 2006 zum Ritter geschlagen hat, ruhiger geworden. Nichts ist mehr zu hören von Schönheitsoperationen. Ja nicht einmal die Haare färbt er sich noch dunkel. „Unnatürlich“ wirke das, sagt er. Dann nimmt er lieber in Kauf, dass er „aussieht wie Santa Claus“, wenn er auf der Bühne steht. Und da will er noch stehen, „so lange mich die Beine tragen“ (u.a. in Frankfurt/Main, 26.Juni). Das hat nicht mit Geld zu tun, davon hat Jones genug. „Ich habe“, sagt er, „einfach kein anderes Hobby.“