Das aktuelle Wetter NRW 9°C
Medizin-Skandal

Der „Pharmastrich“ der DDR

28.12.2012 | 19:42 Uhr
Der „Pharmastrich“ der DDR
Patienten in DDR-Kliniken als Versuchskaninchen – hier die Apotheke einer Poliklinik in Rostock im Jahre 1989.Foto: ullstein bild

Essen.  Westliche Arzneihersteller haben in den 80er-Jahren ungenehmigte Medikamente an ahnungslosen Ostdeutschen getestet. Die DDR kassierte dafür. Anneliese Lehrer ist eine derjenigen, die die Aufklärung anstießen.

Vielleicht wird es irgendwann Anneliese Lehrer gewesen sein, die die Aufklärung eines gerne niedrig gehängten Medizin-Skandals in Gang gesetzt hat. Sie hat Journalisten des Mitteldeutschen Rundfunks, die dazu jahrelang recherchiert haben, von Krankheit und Tod ihres Mannes berichtet.

Im Mai 1989, nur Monate vor dem Mauerfall, wird der Dresdner Elektriker Gerhard Lehrer in die Klinik gebracht. Herzinfarkt. Er erhält spezielle, ihm unbekannte Medikamente. Nach der Einnahme geht es ihm schlechter. Die Ärzte fordern ihn auf, die Einnahme der Arznei in der roten Schachtel zu stoppen. Sofort. Die Pillen soll er herausgeben. Alle. Lehrer unterlässt zwar die Einnahme. Misstrauisch aber versteckt er die Packung. 1990 verstirbt er.

Nie ernsthaft behandelt

Anneliese Lehrer hat die Tabletten nach der Einheit in einem Labor untersuchen lassen. Es stellte sich heraus, dass es wirkungslose Placebos waren, die im Rahmen eines Medikamentenversuchs verabreicht wurden. Ihr wurde klar: Gerhard Lehrer ist in Dresden nie ernsthaft behandelt worden.

Lehrer war eines von vielen Versuchsobjekten auf einem deutsch-deutschen „Pharmastrich“, wie das Magazin „Der Spiegel“ den illegalen Millionenhandel schon 1991 zynisch nannte. Nach der Entdec­kung weiterer zahlreicher Unterlagen des ehemaligen DDR-Gesundheitsministeriums scheint jetzt festzustehen: Westdeutsche Arzneihersteller haben zwischen 1983 und 1989 wohl in mindestens 165 Versuchsreihen mit mehreren Tausend Patienten ihre ungetesteten und im Westen ungenehmigten Produkte erprobt. Sie haben bis zu 3500 D-Mark pro Patient dafür bezahlt – Geld, das zu einem Teil in den Unterhalt der klammen DDR-Kliniken floss, zum anderen über den Devisenhändler Schalck-Golodkowski direkt in Erich Honec­kers Staatskasse.

Dem finanziellen Vorteil für die DDR bei diesem Deal stand der Vorteil für die Chemie-Unternehmen im Westen gegenüber. 1978 hatte der Bonner Gesetzgeber nach der Contergan-Affäre endlich strengere Regeln für die Zulassung von Medikamenten gesetzt. Über die DDR konnte man sie gut umgehen. Die Ärzte in den dortigen Kliniken haben die für die Tests ausgesuchten Patienten in vielen Fällen wohl nicht einmal nach dem Einverständnis gefragt – ein klarer Verstoß gegen die international gültige „Deklaration von Helsinki“, die vorschreibt: „Die Teilnahme von einwilligungsfähigen Personen an der medizinischen Forschung muss freiwillig sein.“

Die Folgen sind nie aufgearbeitet worden

Wie viele Todesfälle Folge dieser eingeschränkten Sicherheitsvorkehrungen waren, ist unsicher. Sicher ist nur, dass viele Betroffene weitere teilweise schwerste gesundheitliche Probleme bekommen haben.

Zu ihnen gehört Elfriede Schneider aus Plauen. Die ältere Dame wurde 1989 ins Hospital gebracht. Die Diagnose lautet: schwere Depressionen. Sie hat damals den knappen neurologischen Bettenplatz aber nur bekommen, weil sie sich auf eine Medikamentenstudie einließ. Ihre Tochter Karin Forner hatte zugestimmt, „weil ich halt zugesagt habe in meiner Not, ohne das zu hinterfragen“, wie sie TV-Journalisten später erklärt.

Elfriede Schneider erhält das vom Schweizer Konzern Sandoz entwickelte, aber noch unerprobte Mittel Brofaromin – und büßt das zunächst mit einem rapiden körperlichen Verfall. Sie braucht sechs Wochen, bis sie sich erholt hat.

Dietmar Seher



Kommentare
Aus dem Ressort
Zwölfjähriger zog Spielpistole - von Polizei erschossen
Panorama
Zu einem tragischen Unglück kam es am Sonntag in der US-Stadt Cleveland. Dort haben Polizisten einen zwölfjährigen Jungen erschossen, nachdem dieser eine Druckluft-Spielpistole in die Hand genommen hatte. Die beiden Beamten wurden vorläufig beurlaubt.
So hart kämpfen Models um den Catwalk bei Victoria's Secret
Mode-Show
Wer es auf den Catwalk der Victoria's-Secret-Show schafft, hat im Model-Business schon viel erreicht. Wie die schönen Mädchen um einen der begehrten Plätze auf dem Laufsteg kämpfen, zeigt jetzt ein Clip der Kult-Modemarke.
Neugeborenes Baby aus Abflussrohr gerettet
Rettung
Im australischen Sydney hörten Radfahrer wimmernde Geräusche. Ein neugeborenes Baby wurde in einem zweieinhalb Meter tiefen, engen Abflussschacht neben einer Autobahn entdeckt. Dann folgte die dramatische Rettungsaktion aus der Kanalisation.
Pete Doherty schreibt offenen Brief aus Entzugsklinik
Drogen
"Es gibt einen Ausweg", ruft ausgerechnet Pete Doherty allen Drogensüchtigen zu. Der englische Sänger kämpfte selbst jahrelang mit seiner Sucht, ist nun aber offenbar auf dem besten Weg, clean zu werden. Eine britische Zeitung veröffentlichte einen offenen Brief von Doherty.
Helene Fischer versteht Humor von Florian Silbereisen nicht
Beziehung
Florian Silbereisen und Helene Fischer mögen bei vielen Dingen auf einer Wellenlänge liegen, beim Thema Humor sind sie sich aber anscheinend ziemlich uneinig. Das verriet der Moderator und Sänger nun in der "NDR Talk Show".
Umfrage
Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?

Viele Manager von städtischen Unternehmen verdienen mehr als eine halbe Million Euro im Jahr. Die Einkommen richten sich nach Branche, Unternehmensgröße und Umsatz. Finden Sie die hohen Gehälter angemessen?