Der mit dem Strom schwimmt

Menden..  Hinten im Nacken sieht man noch die kreisrunde Narbe. Da, wo der Reißverschluss des Neopren-Anzugs gescheuert hat. Wo sich dann Bakterien einnisteten, deren Art der Mediziner „Staphylococcus aureus“ nennt und die unbehandelt Blutvergiftung und Lungenentzündung auslösen können. Andreas Fath hat damals Isolierband auf die Wunde geklebt. Mehrere Lagen. Das fällt wahrscheinlich nicht unter die Kategorie „vernünftige Behandlung“, aber Fath winkt ab. „Letztendlich ist ja nichts passiert“, sagt er. Zumindest nichts, was ihn hätte stoppen können auf seiner Tour durch den Rhein. 1231 Kilometer in 26 Tagen.

Seit über 40 Jahren ist er Freiwasserschwimmer. Marathon-Distanz, Rekordhalter. Wo andere erschöpft ans Ufer kriechen, wird Fath erst warm. „Wasser ist mein Element.“ Und sein Job. Denn der 51-Jährige ist Professor für Chemie und Analytik an der Hochschule Furtwangen mit Schwerpunkt Gewässerschutz und Wasserreinigung. „Aber“, sagt er, „das sind Themen, denen es an Aufmerksamkeit fehlt.“ Das wollte er ändern. „Wenn es heißt, da schwimmt ein verrückter Professor durch den Rhein, dann hören die Leute hin.“

Gut zwei Jahre ist es her, dass Fath im Dienste der Wissenschaft ins Wasser gesprungen ist. Aber gerade erst hat er sein Buch „Rheines Wasser“ (Carl Hanser Verlag, 20 Euro) über das Marathon-Schwimmen fertiggestellt und ist damit auf Lesereise. Wobei er eigentlich nicht liest, sondern erzählt, erklärt, Fragen beantwortet. In Menden im Sauerland, der Wahlheimat seiner Eltern, tut er das im örtlichen Wasserwerk. Seine Zuhörer nimmt er mit auf die Reise von der Quelle am auch im Hochsommer klirrend kalten Tomasee bis hin zur Mündung an der Nordsee, „wo ich endlich Salzwasser schmeckte“. Fath hat sein Laptop angeschlossen, zeigt Fotos. Dazu erzählt er von den vielen Begegnungen, die er unterwegs hatte. Mit Bürgermeistern und Landräten, mit zunehmender Dauer der Tour aber auch mit immer mehr Menschen, die am Ufer standen und ihn anfeuerten. „Der Höhepunkt war in Düsseldorf.“ Er erzählt aber auch von den Schwierigkeiten. Erzählt, wie er sich im Bodensee verschwommen hat und von den Tagen, an denen er fast 90 Kilometer kraulen musste, um im Zeitplan zu bleiben. Oder von den Nächten, in denen er eine Erkältung mit zwei Bademänteln übereinander und unter dicken Decken durch Ausschwitzen kurieren wollte, um pünktlich wieder ins Wasser gehen zu können. Schlimmer ist nur der Durchfall, der ihn in den letzten Tagen geplagt hat. Wobei er bis heute nicht weiß, ob die Verdauung durch Überanstrengung gestört worden ist oder durch die vielen Bakterien im Wasser.

Am Ende konnte er kaum laufen vor Erschöpfung

Und damit ist er auch schon mittendrin in der Wissenschaft, ist da, wo er hin wollte. Kaum ein Zuhörer, der abschaltet, wenn Fath über die Schadstoffe spricht, die er gefunden hat. Vor allem über das Mikroplastik, weniger als fünf Millimeter große Kunststoffteilchen, die der Mensch zwar wieder ausscheidet aber an denen Schadstoffe haften, die sich im Körper ablagern können. Eine völlig unterschätzte Gefahr ist das für den Professor, der aber gleichzeitig einräumt, vieles sei nicht so schlimm gewesen, wie er befürchtet habe. „Ich hatte nie das Gefühl, in einer Kloake zu schwimmen.“

Sein nächstes Projekt: 2017 will er durch den Tennessee-River schwimmen und auch dort Proben ziehen. US-Forscher haben ihn gefragt, er hat zugesagt, obwohl er seiner Frau eigentlich versprochen hatte, solch eine Tour nie wieder zu machen.

Kaum laufen vor Erschöpfung konnte Fath, als er aus der Rheinmündung kletterte. Aber nur vier Tage später ist er schon wieder ins Becken gesprungen, hat seine Meter gemacht im Freibad seiner Stadt, in dem sie eine Bahn nach ihm benannt haben. „Wasser“, sagt er, „ist für mich wie ein Jungbrunnen. Da kann ich abschalten.“ Ansonsten funktioniert das nur, wenn er zum Pinsel greift. Was er malt? Fath grinst: „Aquarelle natürlich.“

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