„Der Kopf ist noch da“

Herne..  Franz Müntefering, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender und Vizekanzler, wird am heutigen Freitag 75 Jahre alt. Michael Muscheid sprach mit dem SPD-Urgestein mit Wohnsitz in Herne, über das Rentner-Dasein.

Herr Müntefering, wie geht’s Ihnen mit 75?

Müntefering: Ich fühle mich wie 75, das ist mal klar. Das Schöne aber ist, dass ich erleben kann, dass es einem mit 75 noch gut gehen kann: Natürlich werde ich langsamer, auch meine Kraft und meine Geschwindigkeit nehmen ab. Aber ich kann nicht klagen. Und der Kopf ist noch da, das ist ganz wichtig.

Steigt zum Geburtstag eine große Party?

Nein. Am Geburtstag selbst feiern meine Frau und ich ganz privat. Am Tag danach dann mit Verwandtschaft und Freunden, aber auch eher im kleinen Rahmen. Richtig gefeiert wird erst dann, wenn ich alt werde.

Schauen Sie mit 75 mehr zurück oder nach vorn?

Eindeutig nach vorn. Wie ich mit kurzen Hosen ausgesehen habe, das weiß ich. Ich interessiere mich lieber für das, was kommt. Und das ist viel.

In der Tat sind Sie pausenlos unterwegs, besuchen Veranstaltungen, Land auf, Land ab, nicht selten sind Sie Hauptredner. Wieso diese hohe Schlagzahl?

Stimmt, im Durchschnitt habe ich etwa einen Termin pro Tag. Das ist gut für mich. Und hoffentlich manchmal auch für die, die ich treffe.

Andere Rentner legen sich lieber aufs Sofa. . .

Für mich wäre das falsch. Ich versuche, den Körper fit zu halten und der Kopf gehört ja dazu. Aufs Sofa legen und Kreuzworträtsel lösen, das hilft da nicht. Besser Gymnastik – morgens im Badezimmer, da guckt keiner zu. Ich habe ein Laufband, kenne aber auch den Weg nach Mont Cenis. Keine Hektik: Ich kann ja jetzt eine Stunde länger schlafen als in meiner aktiven Zeit.

Im Bundestag gab es vor über einem Jahr den fliegenden Wechsel: Sie haben den Bundestag verlassen, Ihre Frau zog in den Bundestag ein. Wie beurteilen Sie ihren Start?

Jahreszeugnisse gibt es im Bundestag nicht, sondern die Gesamtbewertung nach vier Jahren. Das machen die Wählerinnen und Wähler. Neulinge erleben ein Abenteuer, das man vorher nicht gekannt hat. Meine Frau hat gute und wichtige Arbeitsfelder gefunden, das freut mich. Ich bin sicher, dass sie was Gutes und Wichtiges draus macht. Daran hatte ich nie einen Zweifel.

Besprechen Sie ihre Arbeit im Bundestag?

In Maßen. Das ist kein Küchenkabinett bei uns, und wir führen keine wechselseitigen Berichterstattungen durch. Aber wir bereden natürlich Dinge, die uns interessieren und manchmal gehen wir auch in die Tiefe.

Fragt Ihre Frau Sie um Rat?

Nicht so, dass sie mit einem Problem zu mir käme. Dafür gibt es Fachleute, die Erfahrung haben, im und außerhalb des Bundestages. Sie geht ihren eigenen Weg und hat schon jetzt viele Netzwerke.

Treffen Sie noch Ihre alten Weggefährten Schröder, Gabriel oder Steinmeier?

Ja, die und noch andere. In Berlin, aber auch in Wahlkreisen in ganz Deutschland, in denen ich unterwegs bin. Dann redet man über das, was ansteht.

Fragen die aktiven Kollegen den „Alten“ dann um Rat?

Nicht oft, aber das habe ich auch nie gemacht. Das erwarte ich auch nicht. Ich halte nicht viel von Hintergrund-Kabinettsrunden. Die Jungen sind dran, und wir Alten sind ja auch nicht nur weise.