Der geplante Absturz

Düsseldorf..  Es muss ein merkwürdiges Gefühl für die Düsseldorfer Ermittler gewesen sein, die letzten Recherchen des Co-Piloten der Germanwings-Maschine auf seinem Tablet-Computer nachzuvollziehen. Doch anhand der von ihm eingegebenen Suchbegriffe können sie nun rekonstruieren, worum sich seine Gedanken in den Tagen vor der Katastrophe drehten.

Die ersten Ergebnisse bekräftigen, was befürchtet worden war, seit man die Stimmenaufzeichnung aus dem Cockpit abgehört hatte. Die 150 Menschen an Bord des Germanwings-Flugs 4U9525 starben, weil Andreas Lubitz, ihr Co-Pilot, sterben wollte. In der dritten Märzwoche hatte sich der 27-Jährige über medizinische Behandlungsmethoden und Möglichkeiten eines Suizids informiert, fand die Staatsanwaltschaft bei der Untersuchung des Tablets heraus. Außerdem interessierte er sich für den Sicherheitsmechanismus der Cockpittüren. Das könnte bedeuten: Er wollte sich noch einmal vergewissern, dass sich die Cockpit-Türen wirklich nicht von außen öffnen lassen, wenn sie von innen verriegelt werden. Lubitz wird verdächtigt, den Flugkapitän ausgesperrt zu haben.

Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf warnt allerdings weiter vor voreiligen Schlüssen: „Aufgrund des Umfanges der Dokumente und der Vielzahl der Dateien sind weitere Ermittlungsergebnisse in den nächsten Tagen nicht zu erwarten.“ Zumindest ein Rückschluss liegt aber nahe: Ganz spontan handelte der Co-Pilot nicht.

Am Karfreitagmorgen kommt dann die Nachricht, die den Verdacht des absichtlich herbeigeführten Absturzes immer mehr zur Gewissheit werden lässt: Die erste Auswertung des zweiten Flugschreibers durch die französischen Behörden bestätigt, dass der Co-Pilot die Maschine mit 150 Menschen an Bord auf ihrem Weg von Barcelona nach Düsseldorf bewusst in den Sinkflug gebracht hat. Das Flugzeug war am 24. März in den französischen Alpen gegen eine Bergwand geprallt. Unter den Toten befanden sich auch 16 Schüler und zwei Lehrerinnen aus Haltern.

Flugschreiber von Geröll verschüttet

Wie die französische Untersuchungsbehörde Bea am Freitag mitteilte, sei der Autopilot im Cockpit bewusst so eingestellt worden, dass die Maschine auf 100 Fuß – umgerechnet etwa 30 Meter – hinunterging. Der zweite Flugschreiber war am Donnerstag an der Unglücksstelle in den französischen Alpen gefunden worden. Er war von Geröll verschüttet. Der Rekorder zeichnet Kurs, Geschwindigkeit, Flughöhe oder Neigungswinkel auf. Die erste Blackbox – den Sprachrekorder – des Flugs 4U9525 hatten die Bergungskräfte bereits am Unglückstag in der Vorwoche gefunden.

Doch viele Fragen bleiben. So weiß man noch nicht – und wird es vielleicht nie wissen: Hatte der Pilot die Möglichkeit eines Absturzes vorher nur erwogen oder hatte er bereits den festen Entschluss gefasst? Wartete er vielleicht seit Längerem auf die passende Gelegenheit, hätte es demnach auch einen ganz anderen Flug treffen können? Oder entschloss er sich erst im letzten Moment dazu, umzusetzen, was ihm bis dahin nur hin und wieder im Kopf herumgespukt war?

Das Onlineportal des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ berichtete am Wochenende, die Staatsanwaltschaft Düsseldorf habe im Zuge ihrer Ermittlungen zum Absturz der Germanwings-Maschine mehrere Arztpraxen durchsucht. Die Ermittler seien bei mindestens fünf Medizinern vorstellig geworden, die der mutmaßliche Todespilot Andreas Lubitz konsultiert haben soll. Die Krankenakten des Piloten seien sichergestellt worden.

Lubitz suchte mehrere Ärzte auf

Nachdem der Name Andreas Lubitz öffentlich bekannt geworden war, hatten sich offenbar weitere Mediziner gemeldet und berichtet, dass er bei ihnen gewesen sei. Lubitz suchte dem Spiegel zufolge sowohl Fachärzte für Neurologie als auch Fachärzte für Psychiatrie auf. Entweder wollte der 27-Jährige nichts unversucht lassen, um geheilt zu werden; oder aber er wollte vermeiden, dass ein einziger Mediziner über Dauer, Häufigkeit und Schwere seiner depressiven Phasen vollständig im Bild war.