Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Tierhaltung - Damals und...

Das Meerschweinchen

02.09.2009 | 00:31 Uhr

München. Meerschweinchen gehören seit langem zu den beliebtesten Haustieren. Bereits im 17. Jahrhundert brachten Seefahrer die possierlichen Tiere nach Europa, wo mit ihrer Beliebtheit auch ihre Verbreitung wuchs. Seitdem hat sich vieles geändert.

Viele Haltungsbedingungen, die früher guten Gewissens empfohlen wurden, lassen den Meerschweinchen-Halter von heute entsetzt staunen. Hier erfahren sie, welche Haltungsbedingungen damals empfohlen wurden, weshalb diese Ratschläge falsch waren und wie sie Meerschweinchen richtig halten.

Die Umzugskiste als Meerschweinchen-Heim?

Meerschweinchen gehören in gute Hände

So steht in "Tiere – unsere Freunde", einem Tierratgeber aus dem Jahre 1974, dass die possierlichen Nager nicht unbedingt in einem Käfig gehalten werden müssen, da ein "einfacher Karton" bereits genüge. Ein solcher Tipp ist jedoch nicht nur unsinnig, sondern vor allem auch unpraktisch. Meerschweinchen kann es schnell erschrecken, wenn plötzlich und unerwartet Hände von oben nach ihnen greifen. In einem Karton haben sie keine Gelegenheit, ihren Besitzer kommen zu sehen und werden dementsprechend oft schreckhaft auf die Annäherungsversuche des Menschen reagieren. Da Meerschweinchen Nagetiere sind, würde die Unterbringung auch reichlich schnell zernagt.

Der Urin der Tier und auslaufendes Wasser weichen Kartonpappe zudem auf und das "Gehege" ginge relativ schnell kaputt. Kot und Futterreste lassen den Karton ferner verschmutzen und weil dieser nicht ohne weiteres gründlich gereinigt werden kann, müsste er regelmäßig ausgetauscht werden. Das vermutlich stärkste Argument gegen eine Unterkunft aus Pappe dürfte jedoch sein, dass man normalerweise nur selten in den Besitz ausreichend großer Kartons kommt. Umzugsboxen oder ähnliche Kartons sind nämlich nicht groß genug und bieten den Tieren nicht ausreichend Lauffläche.

Kleine Tiere mit großem Platzbedarf

Die Vorstellungen über "ausreichende Größe" sind jedoch relativ; oder waren es zumindest, denn was der genannte Heimtierratgeber als geeignete Stallgrundfläche empfiehlt, befindet sich angesichts moderner Tierschutzrichtlinien jenseits jeder Schmerzgrenze. Für acht Tiere müsse der Stall bereits "eine Fläche von 75 x 90 cm haben". Das sind gerade einmal 0,675 m², pro Tier also weniger Lauffläche als 1,5 gewöhnliche DIN A4-Blätter bieten würden. Es bedarf wohl kaum weiterer Erläuterung, dass ein solcher Stall entschieden zu klein wäre.

Zum Vergleich: Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz empfiehlt für zwei der lebendigen Tiere eine Mindestfläche von 120 x 60 cm. Das ist erkennbar mehr Platz als die 1974 für acht (!) Meerschweinchen geforderte Stallgröße. Der Unterschied zwischen "Damals und Heute" wird aber umso deutlicher, wenn man weiß, dass im selben Buch für die Einzelhaltung eines Meerschweinchens die Käfiggröße von 60 x 30 cm genannt wird. In einem solchen Käfig sollte man jedoch nicht einmal einen Goldhamster halten wollen.

Von einer Einzelhaltung muss überhaupt abgeraten werden, da Meerschweinchen sehr gesellige Tiere sind und deshalb zumindest paarweise, besser aber in Kleingruppen gehalten werden sollten. Selbst mit noch so hingebungsvoller Pflege kann der Mensch dem Meerschweinchen seine Artgenossen nicht adäquat ersetzen. Doch auch bei der Gruppenhaltung gilt es Dinge zu beachten. Die Vergesellschaftung von einem Männchen mit mehreren Weibchen kann nur dann gut geheißen werden, wenn das Männchen kastriert ist.

Die Zucht sollte man als normaler Haustierbesitzer nämlich nicht anstreben wollen, da es bisweilen sehr schwierig ist, für die jungen Meerschweinchen verantwortungsbewusste Abnehmer zu finden. Bis zu sieben Weibchen gemeinsam mit einem Männchen zu halten, so wie im Buch beschrieben, ist deshalb alles andere als empfehlenswert.

Essensreste gehören in den Müll – und nicht in den Käfig!

Am stärksten haben sich jedoch die Ansichten darüber gewandelt, mit was man Meerschweinchen füttern sollte. Und das ist auch gut so, denn der antiquierte Ernährungsplan eignet sich allenfalls für ein Mastschwein, sicher aber nicht für ein Meerschweinchen. In Milch eingeweichte Semmeln und Brot haben auf dem Speiseplan der possierlichen Nagetiere nichts verloren. Gleiches gilt umso mehr für Knochen mit Fleischresten, die angeblich "fein säuberlich" abgenagt werden. Fettige und womöglich auch noch stark gewürzte Fleischreste sind nicht Bestandteil einer artgerechten Ernährung und dürfen nicht verfüttert werden. Essensreste, denn nichts anderes sind solche Knochen schließlich, gehören schleunigst in den Müll und ganz gewiss nicht in denNagerstall.

Der Tierratgeber von Damals empfiehlt jedoch nicht nur das Verfüttern von Knochen, er verschweigt dem Leser auch noch den wichtigsten Teil einer gesunden Meerschwein-Ernährung: Heu. Jede Menge Heu. Der Magen-Darm-Trakt der Nager ist jedoch auf Raufutter wie Heu dringend angewiesen. Zudem nutzen sich die ständig nachwachsenden Zähne durch die Mahlbewegungen gleichmäßig ab. Heu leistet deshalb einen wesentlichen Beitrag zur Gesunderhaltung der Meerschweinchen.

Pro Tier empfiehlt der bejahrte Tierratgeber eine tägliche Futtermenge von 200 Gramm, die sich aus Getreide, Früchten und grünem Gemüse zusammensetzt. Die Menge ist in dieser Zusammensetzung zu reichlich bemessen. Während grünes Gemüse für die Tiere tatsächlich wichtig ist, sollte man Früchte und Getreide nur sparsam verfüttern. Gerade Obst enthält oft viel Zucker und darf deshalb nur gelegentlich und in kleinen Mengen verfüttert werden, da die Meerschweinchen sonst schnell verfetten.

Ähnliches gilt für Getreide: es enthält viel Stärke und sollte daher genauso selten verfüttert werden wie fettreiche Sämereien (z.B. Sonnenblumenkerne, Nüsse, usw.). Besser als das bunte Mischfutter, wie man es aus dem Zoogeschäft kennt, eignen sich gepresste Heupellets. Vom bettelnden Quicken der Nager darf sich der Besitzer nicht erweichen lassen. Zwar mögen Meerschweinchen oft in das Körnerfutter vernarrt sein, auf Dauer bekommt dieses jedoch weder ihrer Taille, noch ihrer Gesundheit.

Matthias Müller

Facebook
 
Kommentare
03.09.2009
22:53
Das Meerschweinchen
von Jasmin911 | #8

Großes Lob an den Autor !
Toll das sich jemand mal ordentlich mit meeris auseinander setzt ! Hoffentlich erreicht der Bericht viele Leser !

03.09.2009
19:25
Das Meerschweinchen
von Meerschweinchenverrückte | #7

@Satrangee
Ich weiß, abr die Hoffnung stirbt immer zuletzt ;-)

03.09.2009
13:32
Das Meerschweinchen
von Satrangee | #6

@ Meerschweinchenverrückte: das interessiert die Medien und leider auch die meisten Menschen doch gar nicht, da wird sich leider wohl kaum was ändern.

Aber vielen Dank für den schönen Bericht, den ich mir in der Tat auch für Wellensittiche wünschen würde! Da tut Aufklärung auch dringend not!

03.09.2009
13:04
Das Meerschweinchen
von benji | #5

Danke für diesen tollen Bericht! Vielleicht werden dadurch auch mal die Leute wach, die ihre Tiere noch immer in viel zu kleinen Käfigen halten und nicht artgerecht füttern. Weiter so!

03.09.2009
07:21
Das Meerschweinchen
von Meerschweinchenverrückte | #4

Sehr schöner Bericht!!!! Es ist erfreulich endlich mal einen Bericht zu lesen in dem wirklich richtig aufgeklärt wird. Leider sind noch heute viele Menschen der Ansicht Meerschweinchen unter Bedingungen zu halten wie im 19. Jahrhundert. Ich hoffe ihr Bericht entwickelt sich zu etwas wie einem Startschuss der die Medien animiert richtige Informationen (wie Ihre) zu rechechieren und weiterzugeben und die ganzen Fehlinformationen die im Umlauf sind zu begradigen!

02.09.2009
20:59
Das Meerschweinchen
von Meerissindgroßartig | #3

Danke für einen solch aufklärenden Bericht!!! Da kann man als passionierter Meerihlater die Hoffnung wieder aufleben lassen, dass es auch gute, informierte Quellen in den Medien gibt (im Gegensatz etwa zu TV-Reportagen, vornehmlich privater Sender) !!! Vielleicht konnten Sie, lieber Herr Müller, ja an das ein oder andere Herz und Hirn appellieren die Haltung der beliebten - und richtig gehalten eben alles andere als langweiligen - Tierchen mit Ihrem Artikel verbessern!

02.09.2009
13:43
Das Meerschweinchen
von Anja12 | #2

Sehr schön!
Wird es einen solchen Bericht auch für Wellensittiche bzw. Papageien generell geben?
Wäre toll!

02.09.2009
05:40
Das Meerschweinchen
von A | #1

Super Bericht!

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/40782/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Die wichtigsten Fotos der Woche
Bildgalerie
Bilder des Tages
Das ist die Miss Fußball-EM
Bildgalerie
Schönheitskönigin
Wave Gotik Treffen 2012
Bildgalerie
Kulturfestival
Aus dem Ressort
Angeblich folterten Hells Angels ihre Opfer
Rocker
Die Polizei sucht in einer vom Rockerclub genutzten Lagerhalle bei Kiel weiterhin nach einer Leiche, die einbetoniert worden sein soll. Ermittler sind weiter zuversichtlich, den vermissten 47-Jährigen zu finden.
Kammerdiener des Papstes in "Vatileaks"-Affäre festgenommen
Kirche
Im Zusammenhang mit einem Skandal um enthüllte Geheimdokumente hat der Vatikan die Festnahme eines Dieners von Papst Benedikt XVI. bestätigt. Paolo G. sei in seinem Haus im Vatikan festgenommen worden, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi. Im seinem Besitz hätten sich geheime Dokumente befunden.