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Das geht unter die Haut

20.02.2013 | 07:46 Uhr
Foto: /dapd

Es ist ein erstaunliches Phänomen, das sich tagtäglich auf dem Hamburger Kiez in der ältesten Tätowierstube Deutschlands beobachten lässt: Entgegen jedem Fluchtreflex läuft hier niemand weg, wenn die Nadeln der selbst gebauten Tätowiermaschinen schmerzhaft in menschliche Haut stechen - an den sensibelsten Stellen des Körpers.

Hamburg (dapd). Es ist ein erstaunliches Phänomen, das sich tagtäglich auf dem Hamburger Kiez in der ältesten Tätowierstube Deutschlands beobachten lässt: Entgegen jedem Fluchtreflex läuft hier niemand weg, wenn die Nadeln der selbst gebauten Tätowiermaschinen schmerzhaft in menschliche Haut stechen - an den sensibelsten Stellen des Körpers. Stattdessen sagen die Kunden mit verklärtem Blick Dinge wie: "Für mich ist das die schönste und reinste Form der Kunst." Diesem wundersamen Verhalten, das seit Jahrtausenden weltweit zu beobachten ist, widmet das Hamburger Völkerkundemuseum nun einen Thementag.

Unter dem Titel "Von Tatauierungen und Tattoos" erfahren Besucher dort am Sonntag (24. Februar) Spannendes über die Kulturgeschichte des Tattoos: Etwa, dass die arktischen Inuit Bilder von Jagderfolgen mit farbgetränkten Fäden in die Körper ihrer Frauen genäht haben. Oder, dass sich Mitglieder afrikanischer Stämme Wunden zufügen und Kalk oder Asche hineinstreuen, damit diese nicht verheilen. Am Ende der Prozedur ist die dunkle Haut mit hellen Ziernarben übersäht, die die Stammeszugehörigkeit symbolisieren. Bei den Maori in Neuseeland geben Gesicht-Tattoos indes Auskunft über den Stammbaum des Trägers. Jede Linie, jede Form steht für einen Rang, Stamm oder Vorfahren.

Eines der ältesten Tattoos ist in Europa, auf dem Körper der Gletschermumie Ötzi gefunden worden, wie die Veranstaltungsleiterin des Völkerkundemuseums, Julia Dombrowski, sagt. Der Eiszeitmensch ist mehr als 5.000 Jahre alt. Aber sehr wahrscheinlich gibt es die Kultur des Tätowierens schon länger. Dass dies technisch möglich ist, hat der Archäologe Holger Junker mit einem gewagten Selbstversuch nachgewiesen. Für seine Magisterarbeit ließ sich der Hamburger von einem bekannten Tätowierer mit nicht desinfizierten Naturmaterialien und Ruß Tattoos stechen - darunter Knochen, Dornen und Feuersteine.

Dornen statt Tätowiernadeln

"Der Feuerstein hat mir höllisch weh getan, das nachzumachen kann ich niemandem empfehlen", berichtet Junker. Begeistert war der Wissenschaftler, der am Thementag auch einen Vortrag halten wird, hingegen von Pflanzendornen: "Die haben wir einfach vom Busch gerupft und zu unserer Überraschung waren sie sich sehr gut zum Tätowieren geeignet", sagt der Archäologe. Für ihn ist das der Beweis, dass das Stechen von Tattoos schon immer möglich gewesen ist.

In der heutigen Zeit in Deutschland wird derweil mit sehr modernen und schonenden Maschinen tätowiert. Die Hygienevorschriften sind streng. In der ältesten Tätowierstube Deutschlands, die seit 1946 auf dem Kiez in Sankt Pauli steht, wird sich penibel daran gehalten: Routiniert verwenden die Künstler nach jedem Arbeitsgang Desinfektionsmittel, nach jeder Sitzung werden die Arbeitsflächen gründlich gereinigt. Einer von ihnen ist der 37-jährige Sebi. Seit 13 Jahren sticht er in dem Lädchen, das im Retrolook eingerichtet ist und goldenen Stuck an den Decken hat, Fremden Bilder in die Haut.

Seine Spezialität sind Formen aus der Biomechanik und Totenköpfe. "Ich finde Schädel sehr ästhetisch, jeder Mensch hat einen", sagt der Künstler in typisch Hamburger Mundart. Leider kann sich seine Kundin an diesem Tag nicht für diese Vorliebe begeistern. Von Schädeln hält die 19-Jährige nichts, stattdessen wünscht sie sich auf ihrer Wade das Bild einer Korsettkordel, die scheinbar durch ihr Bein gefädelt ist. "Das sieht noch manierlich aus, ein Totenkopf wäre mir zu provokant", sagt die braun gebrannte junge Frau.

Sie hat Glück, dass Sebi ihren Wunsch erfüllt: "Etwa die Hälfte der Kunden schicken wir wieder nach Hause, weil ihre Vorstellungen nicht zu unserer Vorstellung von Ästhetik passen", berichtet Sebi. Wobei auch das immer im Auge des Betrachters liegt: Vor ein paar Jahren stach der Künstler einem Kunden einen Totenkopf auf den Oberarm, der aus einer Vagina herausschaute.

Robbie Williams Fehlgriff bei der Wahl des Tattoos

"Das klassische, normale Tattoo ist heutzutage fast ausgestorben", erzählt Sebi. Entweder wünschten sich die Kunden sehr kleine oder sehr großflächige Bilder. Die Gründe für ein Tattoo sind sehr verschieden: An diesem Tag möchte eine Kundin ihre Narben am Arm verdecken. Eine andere wünscht sich für jedes ihrer drei Geschwister eine Blume auf dem Rücken - weil ihr "Familie so wichtig ist". Ihr Vater darf von der Aktion aber nichts mitbekommen, "sonst bringt er mich um". Und dann ist da noch ein frisch gebackener Papa, der den Namen seines Sohnes auf dem Körper tragen möchte. Damit liegt er voll im Trend: Buchstaben und Schriftzeichen seien derzeit sehr gefragt, sagt Sebi mit einem Hauch von Verzweiflung in der Stimme.

Manchmal wünschen sich die Kunden auch traditionelle Muster aus alten Kulturen. Dann ist aber Respekt und Vorsicht geboten: "Der Sänger Robbie Williams hat sich einmal ein Maori-Tattoo stechen lassen und hat dafür mächtig Kritik einstecken müssen", sagt Veranstaltungsleiterin Dombrowski. Denn die Übernahme von bestimmten Maori-Motiven komme einem Identitätsklau gleich: "Das ist, als ob Sie einem Menschen sein Familienstammbuch stehlen". Mit dem Thementag möchten die Verantwortlichen die Besucher deshalb auch für einen respektvollen Umgang mit anderen Kulturen sensibilisieren.

dapd

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