Das Drama der Töchter

Spurensuche nach dem unglaublichen Fall in Schweden.
Spurensuche nach dem unglaublichen Fall in Schweden.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
In Schweden soll eine Mutter ihre Töchter zehn Jahre gefangen gehalten haben. Angeblich aus Angst vor dem Vater

Stockholm.. Es ist eine sonderbare Geschichte. In der südschwedischen Provinz Schonen hat die Polizei eine Mutter im Örtchen Bromölla verhaftet. Die 59-Jährige wird der mehrjährigen Freiheitsberaubung ihre drei Töchter verdächtigt. Ein Gericht stufte den Verdächtigungsgrad als hoch ein und ordnete Untersuchungshaft an.

Die Mutter soll mit ihren inzwischen erwachsenen Töchtern über 20 Jahre von einem Ort zum anderen in Schweden gezogen sein und dabei die Töchter vor der Außenwelt weggesperrt haben. „Die Rede ist von zehn Jahren“ hieß es von der Polizei. Oberstaatsanwalt Pär Andersson wollte am Freitag keine Details zum Fall preisgeben. Zwei Töchter sollen in den Zwanzigern, die Dritte schon in den Dreißigern sein.

Polizisten stießen auf Verwahrlosung

Zeitungen berichteten, dass bei der Festnahme am Mittwochnachmittag Beamte die Wohnungstür eintreten mussten. Eine der Töchter soll zuvor im Treppenhaus einen Nachbarn um Hilfe angefleht haben. Die Mutter hatte dabei versucht sie mit Gewalt zurück in die Wohnung zu zerren, schreibt die Zeitung „Kvällsposten“.

Der Nachbar informierte den Sozialdienst und dann die Polizei. Die Wohnung soll einen verwahrlosten Eindruck gemacht haben. Es wurde auf Luftmatratzen geschlafen. Die Jalousien waren stets runtergelassen, um Einblick zu verhindern.

Ein Nachbar berichtete, dass die sonderliche Mutter ihn nicht in die Wohnung lassen wollte, als sich seine Katze einmal auf deren Balkon verirrte. Die Frau sagte dem Katzenbesitzer, sie lasse grundsätzlich niemanden rein, weil ihre Töchter sehr allergisch seien, so der Nachbar im Boulevardblatt „Kvällsposten“. Gleiches soll sie auch der Hausverwaltung gesagt haben.

Ansonsten lebten Mutter und Töchter unauffällig. Es habe nie Ruhestörungen gegeben, und auch die Miete von umgerechnet rund 450 Euro sei stets pünktlich eingegangen. Weder die Mutter noch die Kinder waren aber unter jener Adresse amtlich gemeldet.

Kinder gingen nicht zur Schule

Der Zeitung „DN“ zufolge soll die Mutter mit ihren Kindern zuvor unter anderem zehn Jahre im nordschwedischen Åre gewohnt haben. Während der gesamten Zeit sind die Töchter nicht in die Schule gegangen. Im sozial sehr engmaschig kontrollierten Wohlfahrtsland Schweden ist alleine schon dieses Faktum ein Riesenskandal. „Ich habe noch nie gehört, dass Kinder auf diese Weise zwischen alle Stühle fallen“ sagte Jonas Nordström vom Schulamt.

Die Mutter soll nach einem Sorgerechtsstreit panische Angst vor dem Vater von zweien der drei Töchter gehabt haben.

Deshalb sei sie oft mit den Töchtern umgezogen und habe sie abgeschirmt, sagte ein Angehöriger der Beschuldigten der Zeitung „DN“. Der Vater könne aber einfach nicht glauben, dass sie die Töchter eingesperrt habe, betont er. Auch die Mutter selbst streitet die Beschuldungen energisch ab, laut Polizeiverhör.

Übereinkunft über Treffen mit den Kindern

Der bei Stockholm lebende 48-jährige Vater meldete sich in der Zeitung „DN“ zu Wort. Er habe die Frau 1988 getroffen, die beiden Kinder mit ihr bekommen. Das dritte Kind stammt von einer vorhergehenden Ehe der Frau.

Ende der Neunzigerjahre ging die Beziehung dann in die Brüche. Sie seien darüber übereingekommen, dass sie die Kinder behält, aber er sie treffen kann, sagte der Vater.

Doch als er sich mit einer neuen Frau einließ, sei sie einfach verschwunden, behauptet er. 17 Jahre habe er nichts von seinen Töchtern gehört. „Das waren furchtbare Jahre. Das Einzige was ich gerade hören möchte ist ein ,Papa uns geht es gut’“; sagte der Vater der Zeitung.

Er, sagte er weiter, habe seinen Töchtern zu jedem Geburtstag geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten.