Das Drama der Heimkehrer

..  Geschichten über den Krieg haben in diesen Tagen im Fernsehen wieder Konjunktur. 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs widmet sich Arte dem Hitler-Regime mit dem Themenabend „1945. Die Befreiung“. Zunächst mit dem Doku-Zweiteiler „Wir, Geiseln der SS“ (20.15 Uhr), dann mit der Dokumentation des französischen Historikers Cedric Gruat: „1945 – nach Hause!“ befasst sich mit der Heimkehr seiner Landsleute nach Jahren der Kriegsgefangenschaft im Deutschen Reich.

Aufwendig recherchiert

1945 befanden sich mehr als 1,5 Millionen Gefangene, Zwangsarbeiter und Deportierte auf deutschem Boden. Die Franzosen nannten sie „die Abwesenden“. Die geordnete Rückführung und Wieder-Integration der Menschenmassen war eine gigantische logistische Aufgabe, Regierungschef Charles de Gaulle beauftragte damit seinen Kommissar für Gefangene, Deportierte und Flüchtlinge, Henri Frenay. Er wollte alle Abwesenden in 150 Tagen heim holen.

Eine Geschichte voller Tragik. Nicht alle Daheimgebliebenen erwarteten die Heimkehrer sehnsüchtig. Die Propagandamaschinerie der Nazis hatte Gerüchte gestreut: Die Exil-Franzosen führten in Deutschland ein Leben voller Annehmlichkeiten. Das Kriegsgefangenenlager als Langzeiturlaub – wie wenig diese Darstellung mit der Realität gemein hatte, beweisen Bilder von ausgemergelten Gestalten, mehr tot als lebendig.

Filmemacher und Weltkriegs-Fachmann Gruat erzählt kenntnisreich, sein Film ist aufwendig recherchiert. So zeigt er, dass viele bis heute prägende Bilder von der Rettung bloße Inszenierung waren. Ein französischer Offizier schildert in seinem Tagebuch den Tag nach der Befreiung des Stammlagers „Stalag 6A“ im sauerländischen Hemer: „Den ganzen Vormittag Journalisten, Fotografen, Bildaufnahmen, Interviews. Für die Nachrichten wird ein Wagen herbeigeschafft, auf dem sich Freiwillige in Positur werfen. ,Schreit! Lauter! Lauter bei Gott!‘ Und sie schreien und winken. Das also ist die Befreiung des Lagers 6A. Was für eine Komik birgt diese gespielte Szene, die als Zeitdokument herhalten wird, gemessen an unserer verhaltenen Freude vom Vortag.“

Auch in Paris, herrschte nicht nur Zuversicht. Ein Radioreporter sah die Schwierigkeiten kommen, die auch deutschen Familien nicht fremd waren, als schwer traumatisierte Ehemänner und Väter nach Jahren wieder am Küchentisch saßen. Er warnte: „Die schlimmste Prüfung steht ihnen noch bevor. Womöglich müssen sie mit Menschen, die sie zu kennen und zu lieben glauben, manche Enttäuschung hinnehmen.“

Die Dokumentation verzichtet auf Zeitzeugen, setzt stattdessen auf Original-Filmausschnitte und Tonaufzeichnungen. Das ist zweifelsfrei interessant. Die inhaltliche Klammer aber, das tragische Wirken des Organisators Henri Frenay, kommt zu kurz. So ist dieser Film nicht mehr als eine schwarz-weiß bebilderte Geschichtsstunde.

Fazit: Authentischer Film, voller Respekt, der die Mittel des Mediums jedoch zu wenig nutzt. Auch einer Kriegs-Doku schadet ein bisschen Dramaturgie nicht.

Arte, 22.05 Uhr