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Die Crystal-Meth-Welle schwappt auch auf Berlin zu

04.03.2016 | 05:36 Uhr
Rund um den U-Bahnhof Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg liegen seit Jahren angesagte Clubs und Bars der Schwulenszene. Foto: BM

Berlin.  Der mutmaßliche Drogenfund bei dem Grünen-Politiker Volker Beck lenkt den Blick auf eine Substanz, die lange Zeit unterschätzt wurde.

Im vergangenen Sommer klang es noch fast wie ein schlechter Witz. Mitte Juli präsentierte die Berliner Polizei stolz viereinhalb Kilo Crystal Meth, den größten Fund der synthetischen Droge, den die Berliner Polizei je gemacht hatte. Kaum eine Meldung kam ohne den Hinweis auf die US-Serie „Breaking Bad“ aus, in der ein Lehrer die synthetische Droge selbst herstellt. Die Pointe dabei: Und das soll es in Berlin jetzt auch geben?

In Berlin, war sich der Polizeisprecher sicher, werde Crystal nicht zu einem großen Problem werden wie etwa in Sachsen, wo sich die Droge seit Jahren verbreitet. „Ich denke, in Berlin sind wir so weit aufgeklärt, dass die Leute um die verheerenden Folgen von Crystal Meth wissen.“ Seit am Dienstag der Grünen-Politiker Volker Beck mutmaßlich mit 0,6 Gramm dieser Droge erwischt wurde, steht diese Prognose in einem anderen Licht.

Wirkung von Crystal Meth hält bis zu drei Tage an

Crystal Meth: Bisher schien es so, als sei die chemische Substanz vor allem bei jungen Menschen beliebt, bei solchen, die nicht viel Geld haben, und in der Club- und Partyszene. In Berlin wird Crystal auf der Straße für etwa 80 bis 120 Euro pro Gramm verkauft, eine Dosis kostet etwa 15 Euro, die Wirkung hält bis zu drei Tage an.

Beck, 55 Jahre alt, seit 1994 Mitglied des Bundestages, entspricht zumindest oberflächlich nicht dem typischen Crystal-Konsumenten. Allenfalls der Ort, an dem die Polizei ihn gegen 23 Uhr kontrollierte, lässt aufhorchen: eine Seitenstraße am Nollendorfplatz. Die Drogenfahnder hatten die Wohnung, vor der sie Beck antraf, schon länger observiert. Die viereinhalb Kilo vom Juli wurden ebenfalls in einer Schöneberger Wohnung gefunden. Rund um den Nollendorfplatz liegen Berlins bekanntesten Schwulenbars und Clubs. Auch einen Strich gibt es. In Teilen der Schwulenszene wird Crystal immer beliebter.

Jede Woche bis zu drei neue Fälle

Suchtberater bestätigen diesen Trend. In den letzten drei Jahren hätten sich die Zahlen der Männer verdreifacht, die wegen der Folgen des Crystal-Meth-Konsums zu ihnen kämen, sagt Arnd Bächler, Psychotherapeut bei der Schwulenberatung im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Inzwischen seien es pro Woche bis zu drei neue Fälle. „Wir haben für die Konsumenten dieser Droge im vergangenen Jahr eine eigene Beratungsgruppe gegründet.“ Bächler warnt vor den schweren Nebenwirkungen und Folgen. „Der Körper braucht die dreifache Zeit der Wirkung, um mit den direkten Folgen von Crystal fertig zu werden, der Verfall des Körpers setzt schnell ein.“ Auch wenn das Metamphetamin als Leistungsdroge gilt und Konsumenten betonen, sie würden nur ab und zu dazu greifen, sagt Bächler: „Es gelingt kaum einem, nicht süchtig zu werden.“

Gerade auf homosexuelle Männer wirke Crystal Meth anziehend, speziell auch beim Sex, haben Konsumenten in der Beratung berichtet. Eine heterosexuelle Sexszene mit Crystal gebe es dagegen seines Wissens nicht, so Bächler. Eine Folge des Crystal-Meth-Konsums sei der Anstieg von Erkrankungen von HIV- und Hepatitis C unter homosexuellen Männern. Schon 2014 beobachteten die Experten des Berliner Robert-Koch-Instituts einen Anstieg der Neudiagnosen dieser Krankheiten bei Männern. Crystal Meth könnte Grund dafür sein, sagt Bächler. Die Droge wirke viel stärker als andere, wirke länger, mache kontaktfreudig – „und sie euphorisiert und enthemmt“. Dadurch steige auch die Bereitschaft zu ungeschütztem Sex oder sich mit einer schon benutzten Nadel die Droge zu spritzen. Auf diesem Weg wiederum werden Krankheiten übertragen.

Die Droge mache aus Menschen „Zombies“

Wie die synthetische Droge konsumiert wird, beschrieben in den letzten Monaten gleich mehrere Zeitschriften und Magazine. Bekannt ist sie an sich schon seit Jahren, seit in den USA schockierende Vorher-Nachher-Bilder der Konsumenten gezeigt wurden. Die Droge verwandele Menschen in „Zombies“, hieß es damals. Der „Stern“ schrieb nun von der „gefährlichsten Substanz auf dem illegalen Markt“, das Internetmagazin „Vice“ ließ Experten vor den Folgen warnen. Das Berliner Stadtmagazin „Zitty“ entsendete einen Reporter tagelang in die Schwulen-Sexszene Berlins.

Wie Crystal Meth den Körper zerstört

Der Autor begleitete eine Gruppe Männer in einer Neuköllner Wohnung über Tage beim Gruppen-Beischlaf und Gruppen-Drogenkonsum. Er beschreibt, wie sich die Interessenten auf Pornoportalen im Internet zusammenfanden. Für solche „Chem-Sex-Partys“, wie die Sessions in der Szene genannt werden, sei Berlin das „kontinentale Epizentrum“. Nur in London greife der Trend noch weiter um sich als in der Hauptstadt.

„Crystal Meth ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

Auch ein jahrelanger Konsument kommt in „Zitty“ zu Wort, der über Verfolgungswahn und Halluzinationen berichtet. Er führte lange ein Doppelleben. Sein Party-Ich war abhängig von „Tina“ oder kurz „T“, wie Crystal Meth in der Schwulenszene heißt. Im bürgerlichen Leben war er Bürokaufmann.

Bei der Berliner Polizei gibt es zum Anstieg des Crystal-Meth-Konsums offiziell noch keine aktuellen Zahlen, nur so viel: Generell liegen die Zahlen der Drogendelikte in der Stadt auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren. Dass die Szene rund um den Nollendorfplatz als Schwerpunkt von Crystal Meth bekannt ist, ebenso wie die große Akzeptanz in Homosexuellenkreisen, bestätigt Michael Böhl, stellvertretender Bundesvorsitzender und Berliner Landesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK). Er betont aber, auch anlässlich des neuesten Drogenverdachts in der Politik: „Inzwischen ist Crystal als Leistungsdroge in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Böhl warnt davor, die Gefahren der Droge in Berlin zu unterschätzen, auch wenn sie in grenznahen Bundesländern wie etwa Sachsen weiter verbreitet und in Berlin nur an einem Schwerpunkt, nämlich Schöneberg, auffällig sei. „Die Welle schwappt seit etwa zwei Jahren auch auf Berlin zu“, sagt Böhl. Zu den Konsumenten gehörten dort längst auch Menschen weit jenseits der Partyszene, „die Crystal Meth als Aufputschmittel im Job benutzen oder um mit ihren Kindern klarzukommen“.

Crystal Meth meist aus Tschechien eingeschmuggelt

In den Bundesländern entlang der tschechischen Grenze beobachtet die Polizei schon seit 2009 einen Anstieg des Schmuggels und Konsums von Crystal Meth, das meist aus Tschechien kommt, weil es dort hergestellt wird. Schwerpunkte der Verbreitung sind Sachsen, Teile von Sachsen-Anhalt und Bayern, aber auch Berlin.

In der Drogenstatistik des Bundeskriminalamtes wurden Crystal-Delikte bis 2013 unter dem Überbegriff „Amphetamine“ mit anderen Drogen gemeinsam aufgelistet. Seit 2014 wird Crystal eigens ausgewiesen, was die Bedeutung unterstreicht. 2014 wurden deutschlandweit 2648 Delikte im Zusammenhang mit Crystal registriert, das waren mehr als die Handelsdelikte mit Heroin und nur etwas weniger als jene mit Kokain. Von 2010 bis 2014 stieg die durch die Polizei sichergestellte Menge Crystal Meth von 27 auf 74 Kilo. Die Tatverdächtigen bei Delikten mit Crystal Meth waren 2014 übrigens überwiegend deutscher Nationalität – nämlich 87 Prozent.

Uta Keseling

Kommentare
04.03.2016
14:04
LassMalDenPapiRan | #5
von glaeseker | #6

Ja, der eine bekämpft seine Minderwertigkeitskomplexe mit Drogen, der andere durch das Abfassen sinnfreier Kommentare.

Da kann man sich doch mal so...
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Die Crystal-Meth-Welle schwappt auch auf Berlin zu
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2016-03-04 05:36
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