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„Brise de mer“ - Der blutige Krieg der korsischen Mafia

12.09.2012 | 17:42 Uhr
„Brise de mer“ - Der blutige Krieg der korsischen Mafia
In diesem Metzger-Laden wurde der Mafioso Maurice Costa am 7. August ermordet.Foto: Getty Images

Paris.   Auf Korsika legen sich die Bosse des legendären Mafia-Syndikats „Brise de mer“ gegenseitig um. Zwei Jahrzehnte lang herrschten sie auf der „Insel der Schönheit“, an der Côte d’Azur und in Paris. Jetzt haben sie offenbar wieder zugeschlagen.

Maurice Costa weiß nur zu genau, dass sie ihm nach dem Leben trachten. Nur noch höchst selten verlässt der Mafia-Pate deshalb seinen schicken Familiensitz in dem korsischen Dorf Moltifao. Am 7. August riskiert der 60-Jährige dann doch eine Fahrt zum Metzger ins benachbarte Ponte Leccia. Ein leichtsinniger Entschluss. Denn kaum hat der Mafioso am Vormittag die „Boucherie“ betreten, kreuzen zwei maskierte Kapuzenmänner auf. Dreimal zielen sie mit ihren Jagdflinten durchs Schaufenster, bis Maurice Costa tödlich getroffen zu Boden sinkt.

Der kaltblütige Mord an dem schillernden Paten markiert den Höhepunkt einer monströsen Attentatsserie – und womöglich den letzten Atemzug einer der am meisten gefürchteten Mafiabanden Frankreichs: der „Brise de mer“, der sogenannten „Meeresbrise“. Die Fahnder sind sich sicher: Die einst so berüchtigte kriminelle Vereinigung hat sich selbst zerlegt.

„Brise de mer“ – so heißt auch das kleine Café am alten Hafen von Bastia, wo sich Ende der 70er-Jahre eine Handvoll junge Männer zusammentun: die Mariani, Guazzelli, Santucci, Costa und Casanova. Kaltblütige und unberechenbare Ganoven, die in den 80er- und 90er- Jahren zu einer der mächtigsten Gangsterbanden Frankreichs aufsteigen. Und Kriminalgeschichte schreiben, sogar über die Grenzen Frankreichs hinaus. Den spektakulärsten Coup drehen sie 1990 beim Raubüberfall auf die UBS-Bank in Genf. Von der gigantischen Beute – 31 Millionen Schweizer Franken – fehlt bis heute jede Spur. Bei einem Überfall am Flughafen von Bastia benutzen sie einen Hubschrauber. Nicht minder spektakulär: der Gefängnisausbruch dreier Bosse im Jahr 2001, der – unglaublich, aber wahr – durch ein lapidares Falsch-Fax eingefädelt wird.

Ein Milliarden-Imperium

Dank ihrer Skrupellosigkeit errichtet das Banditenkartell im Laufe von 20 Jahren ein Imperium, das von der „Insel der Schönheit“ über die Côte d’Azur bis in die französische Hauptstadt reicht – und Milliarden erwirtschaftet. Die „Brise de mer“, eng verbandelt mit korsischen Bürgermeistern und Politikern, zieht stets im Hintergrund die Fäden, wenn es um lukrative Immobilien, Ländereien und Ferienvillen geht. Sie überfällt Banken und erpresst Schutzgeld in Hotels und Restaurants. Hinzu kommen Geldwäsche und Zuhälterei, Steuerhinterziehung und Betrug. In Cafés, Diskotheken und Nachtklubs der Insel gibt es kaum noch einen Geldspielautomaten, dessen Gewinn nicht in die Taschen der Bande fließt. Dasselbe gilt für die Region Aix-en-Provence.

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Exzellente Kontakte zur russischen Mafia lassen den langen Arm der „Brise“ sogar bis nach Sibirien reichen. Kein Wunder, dass die brisanten Korsen auch in Paris zu Königen des Zockermilieus aufsteigen. Das nah am Triumphbogen gelegene Spielcasino „Cercle Wagram“ entwickelt sich zu einer üppig sprudelnden Geldquelle. Die Zeitung „Le Journal du Dimanche“ zitiert im Juni aus Vernehmungsprotokollen der Polizei. Danach soll im „Wagram“ jeder einzelne Mafiaboss einen fürstlichen Gewinn von monatlich 30 000 bis 40 000 Euro eingestrichen haben.

Kontinental operierendes Gangstersyndikat

Aus dem kleinen korsischen „Familienbetrieb“ ist längst ein weit verzweigtes, kontinental operierendes Gangstersyndikat geworden. Doch hinten den Kulissen werden die Spannungen und Risse mit der Zeit immer größer. Dicke Freunde verwandeln sich in eifersüchtige Rivalen. Der Beginn des dramatischen Niedergangs der „Brise de mer“ lässt sich auf den 23. April 2008 datieren, als das Gründungsmitglied Richard Casanova (51), den sie das „Hirn“ nennen, in Porto Vecchio erschossen wird. Dringend tatverdächtig ist sein alter Komplize Francis Mariani, den die Polizei jedoch nicht mehr verhören kann. Denn er kommt am 12. Januar 2009 selbst ums Leben – bei der Explosion eines Hangars in Antisanti.

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Sein enger Vertrauter Pierre-Marie Santucci (52) wird einen Monat später in Arena-Vescovato ebenfalls aus dem Weg geschafft. Ein Scharfschütze, der bei der Tat eigens ein Windmessgerät bei sich führt, trifft den Mafioso aus großer Entfernung mit einem einzigen tödlichen Schuss. Am 15. November 2009 wird bei La Porta Francis Guazelli (55) tot aufgefunden, der zusammen mit Casanova die Pariser Casinos geleitet hat. Die Bosse sind nicht die einzigen Opfer dieses internen Kriegs, weitere fünf Mitglieder aus der zweiten Reihe werden nach Erkenntnissen der Polizei in den letzten vier Jahren ebenfalls erschossen.

Der Abstieg der einen könnte schon bald den rasanten Aufstieg anderer beflügeln. In die klaffende Lücke, die die „Meeresbrise“ hinterlässt, soll jetzt angeblich ein Clan aus dem Bauerndörfchen Venzolasca stoßen. Einen Namen haben sie bereits. Man nennt sie schon die „bergers braqueurs“ – die „Hirten-Räuber“.

Neue Tat in dieser Woche

Am Dienstag sind wieder drei Menschen auf Korsika erschossen in einem Fahrzeug aufgefunden worden. Wie die Polizei mitteilte, wurden die Leichen gegen 15 Uhr in Pont-de-Castirla im Norden der französischen Mittelmeerinsel entdeckt. Die drei Opfer seien der Polizei bekannt, hieß es.Die Tat könnte in Zusammenhang mit dem Mord an Maurice Costa am 7. August stehen, einem mutmaßlichen Mitglied der Verbrecherbande „La Brise de mer“, so die Behörden.

Gerd Niewerth

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