Brand gelegt - Feuerwalze rollt über Teile von Sibirien

Feuerwehrmänner und Freiwillige versuchen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen.
Feuerwehrmänner und Freiwillige versuchen, das Feuer unter Kontrolle zu bringen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
Das illegale Abbrennen von Steppengras hat in Sibirien verheerende Brände ausgelöst. Mindestens 17 Menschen starben, Tausende Häuser wurden zerstört.

Chakassien.. Ausnahmezustand in Sibirien: Viele Menschen sterben, mehr als 5000 Russen obdachlos – auf der Flucht vor den schwersten Wald- und Steppenbränden seit Jahren. Noch ist die Jahrhundert-Katastrophe von 2010 nicht vergessen. Und schon fragen sich viele, die bei den Feuern in der russischen Teilrepublik Chakassien ihr Hab und Gut verlieren, ob die Behörden gar nichts gelernt haben.

Mehr als 1000 Häuser, die meisten aus Brettern gezimmert, brennen innerhalb weniger Stunden nieder. Es sind wohl Bauern und Agrarbetriebe, die trotz Verbots in diesen Tagen Steppengras abbrennen. Sie wollen das Gestrüpp schnell und billig loswerden, bevor sie nach dem langen Winter die Saat ausbringen. Doch wie so oft gerät das Abfackeln außer Kontrolle. Die Brände greifen auf Dutzende Ortschaften über.

Feuer Mindestens 17 Menschen kamen ums Leben

Die sibirische Republik Chakassien wurde am Sonntag von verheerenden Flächenbränden heimgesucht. Laut der Nachrichtenagentur Interfax kamen mindestens 17 Menschen um, einer wird vermisst, 613 Personen erlitten Verletzungen, acht von ihnen befinden sich mit Verbrennungen oder Rauchvergiftungen auf der Intensivstation.

Auch 800 Kühe und 3000 Schafe fielen den Feuerwalzen zum Opfer, die Behörden beziffern den Gesamtschaden auf umgerechnet 91 Millionen Euro. 5000 Feuerwehrleute, 700 Soldaten und Hunderte Freiwillige kämpften gegen die Flammen.

Hohe Temperaturen und Sturm

Inzwischen sollen die Brände in allen 38 betroffenen Ortschaften gelöscht worden sein, aber nach Angaben der sibirischen Forstbehörden lodern in Chakassien noch elf Waldbrände auf einer Fläche von über 5000 Hektar.

Auch in mehreren anderen mittelsibirischen Regionen brennen fast 4700 Hektar Wald. Allerdings sagte Alexei Jaroschenko, Forstexperte bei Greenpeace Russland, unserer Zeitung, tatsächlich sei die Brandfläche viel größer. „Allein in der Baikal-Region stehen 50 .000 Hektar Wald in Flammen, dort wurden bisher 4 Tote gezählt.“

Explosion Flammen erreichten Munitionslager

Wie Interfax meldet, erreichten die Flammen auch ein Munitionslager in der Ortschaft Lesnoi Gorodok, 60 Kilometer von der Stadt Tschita entfernt, angeblich verließen die Bewohner in Panik das Dorf.

Die russische Ermittlungsbehörde hat inzwischen fünf Strafverfahren wegen Fahrlässigkeit mit Todesfolge eröffnet. Mehrere Behördenvertreter erklärten das traditionelle Abfackeln von altem Weidegras durch die Bauern als Ursache für die Brände. Katastrophenschutzminister Wladimir Putschkow verbot gestern alle landwirtschaftlichen Feuer. „Kaum ist der Schnee verschwunden, brennt das Trockengras wie Pulver.“

"Es gibt nur einen Löschzug vor Ort"

Laut Jaroschenko wird das Gras zudem immer häufiger in unmittelbarer Waldnähe angezündet, auch weil Anzahl und Befugnisse der Förster deutlich abgenommen haben.

In diesem Frühling kamen in Mittelsibirien ungewöhnlich hohe Temperaturen dazu, geringe Niederschläge und Sturmböen. Sie verwandelten zahlreiche Wiesenfeuer in schnell um sich greifende Flächenbrände. Nach Augenzeugenberichten überraschten haushohe Flammenfronten ganze Dörfer. „Es gibt nur einen Löschzug im Ort“, sagte eine Einwohnerin des Dorfes Tschapajewo dem Fernsehsender NTW. „Sie löschten ein Haus, heftiger Wind kam auf, und für alles andere war es zu spät.“ Jetzt wollen die Behörden für jedes Todesopfer und jedes abgebrannte Haus eine Kompensation von umgerechnet 1800 Euro zahlen.

Kritik an Behörden

Wetterexperten warnen auch im europäischen Russland vor einer Wiederholung der Feuerkatastrophe von 2010, als 1200 Häuser abbrannten, 53 Menschen umkamen und Moskau wochenlang unter eine Rauchsmogwolke geriet. Dem vorzeitigen Frühlingseinbruch droht ein sehr trockener Sommer mit hoher Waldbrandgefahr zu folgen. „Und die zuständigen Staatsorgane sind noch schlechter vorbereitet als bisher“, sagt Jaroschenko. „Auch der Etat der Forstverwaltung, die den Wald vor Bränden schützen soll, wurde dieses Jahr um sechs Prozent gestrichen. Rechnet man die Inflation hinzu, so sind die Mittel um zwanzig Prozent geschrumpft.“

Zahlreiche Moskauer berichteten am Sonntagabend von Brandgeruch im Süden der Hauptstadt. Allerdings erklärte die Forstbehörde, der Grund seien keine Torfbrände, sondern großflächig abgefackeltes Altgras in den Regionen Kaluga und Tula.