Bier selbermachen - Kleine Brauereien liegen im Trend

Junge Bierbrauer: Arne Hendschke (links) und Torsten Mömken von Brauprojekt 777 in ihrer Bierküche in Voerde.
Junge Bierbrauer: Arne Hendschke (links) und Torsten Mömken von Brauprojekt 777 in ihrer Bierküche in Voerde.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Selbermachen liegt im Trend. Das gilt auch für Hausbrauereien. Immer mehr (Privat-) Leute brauen im Keller oder für eine einzige Kneipe Craft-Bier.

Berlin.. Bier erlebt eine unerwartete Renaissance: Mit Fantasie und Lust auf neue Geschmacksnoten kreieren Existenzgründer Craft-Biere – intensiv im Geschmack und kunstfertig gebraut.

Eigentlich ist der Bier-Absatz seit langem rückläufig. Statistisch betrachtet trinkt jeder Bundesbürger jährlich 106 Liter des Gerstensafts. Damit rangiert Bier aber nur auf dem vierten Rang. Kaffee mit 156 Litern, Wasser und Erfrischungsgetränke stehen noch vor dem ersten alkoholhaltigen Getränk. Deutscher Meister beim Biertrinken sind die Verbraucher in NRW. Mit 23,6 Millionen Hektolitern verweisen sie das Bierland Bayern locker auf den zweiten Platz.

Der neue Spaß am Biergenuss hat mehrere Gründe. „Alkoholfrei liegt im Trend“, meldet der Deutsche Brauer-Bund. Immer öfter bestellen die Gäste in den Lokalen Pils oder Weizen ohne berauschenden Inhalt. Allein 2013 stieg der Absatz um zwölf Prozent.

Lust auf neue Geschmacksnoten

Die zweite Ursache für die neue Lust auf Bier kommt ursprünglich aus den USA. So genannte Craft-Biere erobern den Markt. Craft steht übersetzt für Handwerk. Kleinbrauereien oder Privatleute stellen mit oft nur geringem Aufwand ihr eigenes Bier her. Die Idee entstand vor rund 30 Jahren in Nordamerika. Studenten dort hatten die geringe Vielfalt der herkömmlichen Angebote satt und experimentierten mit neuen Geschmacksnoten. Seit einigen Jahren findet dies auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Dabei ist die Vielfalt auf dem Biermarkt hierzulande wohl auch ohne Craft-Biere viel größer als anderswo. Es gibt 50 Sorten mit rund 5000 unterschiedlichen Bieren.

Genuss „Craft-Biere sind geschmacksintensiv und zum Teil sehr viel bitterer“, erläutert der Chef des Brauer-Bundes, Holger Eichele. Sie enthielten bis zu zehnmal mehr Hopfen als die Massenware aus den Großbrauereien. Und der Alkoholgehalt des Craft-Stoffs ist oft deutlich höher. Rein von der Menge her betrachtet, spielen die handwerklich gefertigten gemessen am Gesamtabsatz zwar kaum eine Rolle. Doch als Teil der Bierkultur haben sie sich längst etabliert.

Seit 20 Jahren nimmt die Zahl der Brauereien zu

Dem Trend zur Kleinbrauerei verdankt der Brauer-Bund Zuwachs. Seit 20 Jahren nimmt die Zahl der Brauereien zu. Derzeit zählt der Verband 1349 Brauereien. Rund um Berlin ist die Craft-Szene am stärksten verwurzelt. Aber auch zwischen Rhein und Ruhr boomt die Produktion kleiner Mengen. Oft produzieren die Neubrauer ihre Spezialitäten allein für den Verkauf in der eigenen Kneipe. Doch auch die Getränkekonzerne mischen mittlerweile bei den Craft-Bieren mit und entwickeln eigene Spezialitäten.

Selbermachen ist nicht nur bei der Renovierung der Wohnung im Kommen. Auch das abendliche Bier brauen sich immer mehr Verbraucher selbst daheim. Gasthausbrauereien oder Mikrobrauereien bieten Kurse an, auf denen die Interessenten die Kunst erlernen, Wasser, Hopfen und Gerste in Bier zu verwandeln. „Braukurse haben Konjunktur“, stellt Eichele fest.

Startersets ab 30 Euro

Im Internet und in Spezialgeschäften werden die dafür notwendigen Utensilien in großer Zahl angeboten. Einsteiger finden dort Heimbrausets oder so genannte Bierkits ab einem Preis von 30 Euro. Fortgeschrittene Privatbrauer geben für ihre Anlagen schon einmal 500 Euro oder mehr aus. Eine Kleinigkeit müssen Heimbrauer allerdings beachten: Nur wenn das Bier für den Eigenbedarf hergestellt und nicht verkauft wird, bleibt es auch steuerfrei. Bis zu zwei Hektoliter Eigengebräu im Jahr bleiben vom Fiskus verschont.

Die Craft-Biere unterliegen ebenso dem Reinheitsgebot wie alle anderen Gerstensäfte. Manche Verbraucher befürchten, dass diese Regel aus dem Jahr 1516 gestrichen werden könnte, wenn es ein Freihandelsabkommen mit den USA geben sollte. Davon würden die Verbraucher wenig halten. Einer Forsa-Umfrage zufolge wollen 85 Prozent das Reinheitsgebot beibehalten. Womöglich wird es eines Tages sogar noch in den Adelsstand erhoben. Die Brauer haben bei der Unesco die Aufnahme des Reinheitsgebots in die Liste der Weltkulturerbe beantragt.