Befreiter US-Soldat wird angeklagt

Fort Bragg..  Seit dem glücklichen Ende seiner fünfjährigen Geiselhaft in Afghanistan hat der blasse, hochgewachsene Mann in der Öffentlichkeit nur geschwiegen. Nur nicht auffallen, das war Bowe Bergdahls Devise in einer Armee-Schreibstube im texanischen San Antonio. Der 28-jährige Unteroffizier ahnte den Grund. Militärankläger haben den Mann aus Hailey im US-Bundesstaat Idaho jetzt wegen Fahnenflucht und Feigheit vor dem Feind vor Gericht gezerrt. Aus Amerikas prominentester Geisel, deren Freilassung vor zehn Monaten von Präsident Obama bejubelt wurde, könnte bald ein hässlicher Fall werden. Bergdahl droht im schlimmsten Fall lebenslange Haft. Die Ankläger glauben, dass der US-Soldat seine Einheit in Afghanistan unerlaubt verlassen hat, bevor er von den Taliban gefangen gehalten wurde.

Ehemalige Kameraden Bergdahls klagen seit Wochen in Fernsehsendungen, dass damals bei der Suche nach dem Verschwundenen andere US-Soldaten unnötigerweise ums Leben gekommen seien. Tenor: Bergdahl müsse dafür zur Verantwortung gezogen werden – „Schluss mit dem Heldenstatus.“

Kommt es zum Prozess, muss der Soldat wegen Fahnenflucht mit fünf Jahren Gefängnis rechnen. Der Vorwurf der Feigheit vor dem Feind dagegen könnte ihm eine lebenslängliche Strafe einbringen.

Vorsorglich legten die Anwälte des Soldaten jetzt eine schriftliche Stellungnahme Bergdahls vor. Darin schreibt der Soldat, er sei während der Geiselhaft gefoltert worden und habe zwölf Fluchtversuche unternommen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass der Vorwurf der Feigheit vor dem Feind nur schwer zu halten sein wird.

„Die Führung war mangelhaft“

Andererseits soll es einen Brief Bergdahls geben, den er seinen Eltern aus der Gefangenschaft heraus geschrieben habe. Nach Darstellung von US-Medien soll sich Bergdahl darin über seine Stationierung im Kriegsgebiet beklagt haben: „Die Führung war mangelhaft oder überhaupt nicht vorhanden“.

In Washington hat die Nachricht, dass Bergdahl vor Gericht gestellt werden könnte, einen alten politischen Streit wiederbelebt. Der Soldat war im Mai 2014 durch einen umstrittenen Gefangenenaustausch freigekommen. US-Präsident Barack Obama ließ für Bergdahl fünf afghanische Häftlinge überstellen. Die Regierung erklärte damals, es sei die Pflicht, jeden gefangenen Soldaten zu befreien, selbst wenn er sich unerlaubt von der Truppe entfernt haben sollte. Die republikanische Opposition hatte sich daraufhin lautstark beschwert und erklärt, Obama habe seine Befugnisse überschritten.