Bank muss die von Oma zerrissenen 18.500 Euro ersetzen

Zerschnittene und zerrissene Geldscheine (Symbolbild): In Bayern hat eine Frau aus Furcht vor Einbrechern insgesamt 18.500 Euro zerrissen.
Zerschnittene und zerrissene Geldscheine (Symbolbild): In Bayern hat eine Frau aus Furcht vor Einbrechern insgesamt 18.500 Euro zerrissen.
Foto: dpa
Was wir bereits wissen
In Bayern zerreißt eine alte Frau 18.500 Euro. Die Enkelin zieht vor Gericht und will die Summe erstattet bekommen. Sie hat Erfolg.

Kassel..  Aus Angst vor Einbrechern hat eine alte Frau Geldscheine zerrissen – insgesamt 18.500 Euro. Ihre Enkelin als Betreuerin der Seniorin forderte von der Bundesbank, die Geldscheine zu ersetzen – vergeblich. Bis jetzt.

Wie der Anwalt der Frau, Alexander Pasquazi, am Donnerstag mitteilte, entschied der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH), dass ein solches gänzlich ungewöhnliches Verhalten nicht dem eines geistig gesunden Menschen entspricht. Deshalb sei die Zerstörung der 89-Jährigen aus dem bayerischen Waldkraiburg nicht anzulasten sei (Az: 6 A 682/15). Das Gericht hatte den Fall am Mittwoch verhandelt und bestätigte das Urteil am Donnerstag. Eine Revision wurde nicht zugelassen.

Dabei schien die Lage eigentlich klar: Laut einem Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB) wird Geld bei vorsätzlicher Zerstörung nicht ersetzt. Daran muss sich die Bundesbank halten. Doch schon während der Verhandlung deutete der Richter an, die mittlerweile 89 Jahre alte Frau aus dem bayerischen Waldkraiburg könnte im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit gehandelt haben. Sie hatte die 37 Scheine zu je 500 Euro in kleine Schnipsel gerissen und in einem Gefrierbeutel im Eisfach versteckt. Der Anwalt der Frau sagte: „Sie ist stark verwirrt und dement und immer schwerer ansprechbar.“ Dies belege auch ein Gutachten, das allerdings erst nach Bekanntwerden des Vorfalls Anfang 2014 erstellt worden war. „Wenn jemand sagt, ich will mein Geld vor Einbrechern schützen und es zerreißt, ist das außergewöhnlich“, stellte der Richter fest.

Bank geht’s um Rechtssicherheit

Die Vertreter der Bundesbank erklärten, es gebe kein finanzielles Interesse der Bundesbank. Ihnen gehe es darum, Sicherheit zu erhalten, wie künftig mit solchen Fällen umgegangen werden solle. „Das ist für alle Zentralbanken in Europa von Interesse, die den EZB-Beschluss umsetzen“, sagte ein Bundesbank-Jurist. Denn ähnlich seien Fälle, bei denen Geld in betrunkenem Zustand zerstört werde.

Um kaputte Geldscheine von der Bundesbank erstattet zu bekommen, sind bestimmte Voraussetzungen nötig. Zunächst einmal müssten mehr als 50 Prozent der Banknote noch vorhanden sein, sagt Rainer Elm vom Analysezentrum der Bundesbank in Mainz. „Kleinere Teile ersetzen wir in der Regel nicht.“ Zudem wird das Geld nicht gegen neue Scheine getauscht, wenn es aus einer Straftat stammt, also etwa bei einem Diebstahl beschädigt wurde.

Die Bundesbank hat 2015 rund 30.000 Anträge zur Erstattung von beschädigtem Geld bekommen. 2015 wurden laut Elm rund 44 Millionen Euro erstattet. „Die Erstattungsquote lag bei über 90 Prozent“, sagt Elm.

85-Jährige vernichtete Erbe

Fälle von aufgefundenen Geldschnipseln sorgen immer wieder für Aufsehen. Erst im Sommer 2015 wurden in Darmstadt 23 Stellen bekannt, an denen Teile von 500-, 100- und 50-Euroscheinen entdeckt wurden. In mindestens einem Fall lagen die Schnipsel mitten auf der Straße. Insgesamt handelte es sich um fast 20.000 Euro. Auch Monate danach hat die Polizei noch keine Erklärung, woher das Geld stammen könnte, wie ein Sprecher am Mittwoch sagte. Hinweise auf eine Straftat gebe es nicht.

Einen ähnlichen Fall wie den nun verhandelten hatte es bereits im vergangenen Jahr in Österreich gegeben. Dort hatte eine 85-Jährige versucht, ihr komplettes Erbe zu vernichten: Sie zerschnitt rund 950.000 Euro. Auch damals erstattete die Nationalbank das ganze Geld. Der Grund war ebenfalls: Die Frau sei nicht zurechnungsfähig gewesen. (dpa/zro)