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Babys vertauscht – Kanadier lebten 40 Jahre falsches Leben

17.01.2016 | 09:43 Uhr
Babys vertauscht – Kanadier lebten 40 Jahre falsches Leben
Norman Barkman (links) und Luke Monias sind seit jeher dicke Kumpels. Was sie nicht wussten: Sie wurden nach ihrer Geburt vertauscht.Foto: picture alliance / empics

Edmonton.  Norman Barkman und Luke Monias wurden als Babys vertauscht. Jetzt suchen die 40-jährigen Kanadier nach ihrer eigentlichen Identität.

Über vierzig Jahre lebten Norman Barkman und Luke Monias Seite an Seite in der kleinen Gemeinde Garden Hill im Norden Kanadas. Zusammen mit anderen Männern im Dorf gingen sie fischen und jagen oder fuhren im Winter mit dem Motorschlitten über die zugefrorenen Seen der Provinz Manitoba. Sie waren Kumpel und nannten sich im Spaß Zwillinge, denn geboren wurden sie im selben Krankenhaus am selben Tag: am 19. Juni 1975. Und doch hatten die beiden Männer vom Stamm der Cree-Ureinwohner über Jahre das Gefühl, irgendetwas stimme nicht. Auch im Dorf gab es Gerüchte, denn die beiden wollten optisch nicht ganz zu ihren jeweiligen Familien passen. Barkman ist eher von kantiger Statur – wie der Vater seines Freundes. Monias dagegen hat die Züge von Barkmans Eltern.

Also entschlossen sich die beiden zu einem DNA-Test, um die Gerüchte zu beenden. Doch dann der Schock. Denn der Test brachte vor ein paar Wochen die Wahrheit ans Licht: Barkman und Monias wurden bei der Geburt im Krankenhaus vertauscht, wuchsen bei den leiblichen Eltern des jeweils anderen auf. 40 Jahre lang lebten sie mit einer falschen Identität.

Wahrheit ist nur schwer zu verdauen

„Es ist hart. Ich möchte wirklich wissen, wie das nur passieren konnte“, sagte Barkman unter Tränen bei einer Pressekonferenz in Winnipeg. Wurden etwa ihre Krippen vertauscht? Brachten Krankenschwestern versehentlich ein falsches Namensetikett am Bettchen an? Oder spielte irgendjemand den beiden indigenen Familien gar bewusst einen bösen Streich?

Für die beiden befreundeten Männer ist die Wahrheit nur schwer zu verdauen. Er habe die vielen Gerüchte über Jahre hinweg nicht wirklich ernst genommen, erzählte Monias. Geglaubt habe er die Verwechslung daher erst, nachdem er die Testergebnisse tatsächlich schwarz auf weiß gesehen habe. In einem Interview mit dem kanadischen Sender CBC beschrieb Monias seine Gefühlswelt ein wenig genauer: „Es ist schwer zu erklären. Aber ich habe das Gefühl, ein Leben gelebt zu haben, das gar nicht meines ist. Das Leben, das ich gerade führe, gehört eigentlich Norman.“ Die vielen Jahre ohne Gewissheit fühlten sich an wie verlorene Jahre.

Ureinwohner nachlässig behandelt?

Monias angenommener Vater Isaiah sprach im selben Sender von einem Schock für die Familie und das ganze Dorf. Dass sein erstgeborener Sohn gar nicht seiner sei, habe er zuerst nicht glauben können. „Ich haben Luke als meinen Sohn großgezogen, und daran wird sich auch jetzt nichts ändern.“ Seinen tatsächlich leiblichen Sohn Norman will er von jetzt an „meinen Jungen“ nennen. Für das Wort „Sohn“ ist es offenbar noch ein wenig zu früh.

Auch Monias fünf Kinder müssen sich erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Großvater Isaiah eigentlich gar nicht der ihre ist. „Die Kinder sind völlig durcheinander und verstört. Sie wissen nicht mehr, zu wem sie eigentlich gehören oder wer sie sind“, berichtete Luke Monias.

Ureinwohner skeptisch gegenüber Regierung

Der kanadischen Regierung kommt der Fall ungelegen, denn in vielen Ureinwohnergemeinden Kanadas ist das Misstrauen gegen viele von der Regierung geführten Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser groß, denn lange wurden Ureinwohnerfamilien dort oft nachlässig behandelt. Was den beiden Männer passiert sei, könnte auch anderen widerfahren sein, beklagte Häuptling Ron Evans. Die Regierung will nun mit einer offiziellen Untersuchung Licht in die Angelegenheit bringen.

Norman Barkman und Luke Monias jedenfalls wollen sich in den nächsten Monaten ausführlich um ihre „neuen“ Familien kümmern. Er werde sich Zeit lassen, seine leibliche Mutter richtig kennenzulernen, sagte Monias. Das Ganze sei noch sehr gewöhnungsbedürftig. Vater Isaiah sieht die Sache derweil trotz allem optimistisch: „Jetzt habe ich eben Zwillinge.“

Jörg Michel

Kommentare
17.01.2016
20:02
Babys vertauscht – Kanadier lebten 40 Jahre falsches Leben
von Zwille | #1

Schlimm!

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2016-01-17 09:43
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