Babys in Berlin zu Hause lassen - Ärzte-Warnung wegen Masern

Kinderärzte in Berlin raten Eltern von Säuglingen davon ab, mit ihren Babys in die Öffentlichkeit zu gehen, weil wegen der Masernwelle die Ansteckungsgefahr zu groß sei.
Kinderärzte in Berlin raten Eltern von Säuglingen davon ab, mit ihren Babys in die Öffentlichkeit zu gehen, weil wegen der Masernwelle die Ansteckungsgefahr zu groß sei.
Foto: dpa
Die Masern-Welle in Berlin ebbt nicht ab. Kinderärzte schlagen nun Alarm: Sie raten Eltern von Säuglingen, ihre Kinder nur zu Hause zu betreuen. Grund ist das Risiko einer tödlichen Spätfolge von Masern.

Berlin.. Es sind die tragischen Todesfälle, die Deutschlands Kinderärzte bei der Masern-Welle in Berlin zu ungewohnten Mitteln greifen lassen: "Wir raten Eltern davon ab, mit Säuglingen in Berlin in die Öffentlichkeit zu gehen", sagt Sprecher Sean Monks am Freitag. Die Ansteckungsgefahr sei im Moment zu groß. Wenn es auch sehr selten vorkomme, drohe vor allem Babys bei einer Masern-Infektion eine tödliche Spätfolge. Panikmache? Man solle das Risiko nicht überbewerten, beschwichtigt Jan Leidel, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. Aber: "Wenn man auf Nummer sicher gehen will, bleibt man in Berlin mit einem Säugling zurzeit besser zu Hause."

In der Hauptstadt rollt die größte Masern-Welle seit dem Start des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2001 weiter. Seit die Infektion im Oktober in einem Flüchtlingsheim ausbrach, haben sich mit dem Stand von Freitag nachweislich 652 Menschen angesteckt, Kinder wie Erwachsene. Rund 90 Prozent von ihnen waren nicht geimpft - und ein gutes Viertel kam wegen der Schwere der Infektion ins Krankenhaus. Zurzeit gibt es in der Hauptstadt mehr als 80 registrierte neue Fälle pro Woche. Ein nicht geimpftes Kleinkind ist bereits an Masern gestorben. Die Gesundheitsverwaltung hat alle Berliner aufgerufen, ihren Impfschutz zu überprüfen und fehlende Immunisierungen nachzuholen. Bis zum Sommer soll es auch eine zentrale Impfstelle für Flüchtlinge geben - neben bestehenden Angeboten.

Chronische Masern-Gehirnhautentzündung kann tödliche Spätfolge sein

Was den Kinderärzten so große Sorge bereitet, sind die 54 Babys unter einem Jahr, die in Berlin seit Oktober an Masern erkrankt sind. Denn es gibt eine tödliche Spätfolge der Krankheit, die chronische Masern-Gehirnhautentzündung (Subakute Sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE). Dabei überwinden die Masern-Viren die Blut-Hirn-Schranke im Körper, vor allem bei sehr kleinen Kindern. Sie vermehren sich dann im Gehirn und zerstören Nervenzellen. Bei einem Kind verläuft die Entwicklung dann rückwärts: Er verlernt zum Beispiel wieder zu sprechen, die Motorik bildet sich zurück. "SSPE tritt oft erst Jahre nach einer überstandenen Masern-Erkrankung auf und verläuft leider immer tödlich", sagt Jakob Maske, Sprecher des Berliner Berufsverbandes der Kinderärzte. "Es gibt keine Therapie."

Zwar kommen pro Jahr in Deutschland nur zwei bis sechs SSPE-Fälle vor. In Hessen ist die fünfjährige Aliana wegen der Masern-Spätfolge todkrank. Ihr Vater appellierte am Freitag eindringlich, sich gegen Masern impfen zu lassen. "Es ist unverständlich, warum die Leute nicht wach werden", sagte er. Denn SSPE bei Kindern wäre vermeidbar gewesen - ohne Masern. Darin liegt die Tragik.

"Nicht harmlos, aber auch kein Grund zur Panik"

Beim Berufsverband klingelte in diesen Tagen das Telefon. Ein verzweifelter Vater sagte, dass sein vier Monate altes Baby die Masern hatte. Ob es jetzt auch SSPE bekomme? Dafür gibt es einen Test: die Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit. Fänden sich dort Masern-Viren, sei das Schicksal des Kindes besiegelt, sagt Monks. Er fragte den Vater: "Wollen sie dieses Ergebnis wirklich wissen?"

"Die Häufigkeit von SSPE ist lange unterschätzt worden", sagte Leidel für die Ständige Impfkommission. Früher sei man von einem Fall auf zwei Millionen ausgegangen. Studien aus den USA hätten aber gezeigt, dass der Risikofaktor bei 1 zu 1000 bis 3000 liege. "Das ist nicht harmlos, aber auch kein Grund zur Panik", sagte Leidel. Die Pocken hätten früher Todesfallraten von 30 bis 40 Prozent gehabt. Diese Krankheit wurde in Deutschland durch eine Impfpflicht ausgerottet.

Für 2015 war die Ausrottung der Masern in Deutschland geplant

Die Ausrottung der Masern war zuletzt für 2015 geplant. Wenn die Impfquoten bei Kindern auch immer besser geworden sind, so gibt es doch weiter Lücken. Bei Erwachsenen sind die Quoten in einigen Altersgruppen sogar schlechter. Und für Säuglinge ist das Masern-Risiko deutlich höher, wenn ihre Mütter nicht geimpft sind. Dann gibt es keinen Nestschutz für die ersten Monate, bei dem die Immunisierung der Mutter auch für das Kind wirkt. Während der Schwangerschaft könne die Immunisierung auch nicht mehr nachgeholt werden, sagt Leidel. "Bei einem Lebendimpfstoff geht das nicht."

Doch auch mit geimpfter Mutter hat ein Säugling circa vom fünften bis neunten Monat, dem frühesten Zeitpunkt, für den die Masernimpfung zugelassen ist, kaum Schutz. Daher kommt auch der Rat der Kinderärzte, Babys in Berlin zurzeit möglichst zu isolieren. Der einzige Schutz, den es gibt, wäre eine passive Impfung mit Immunglobulinen - Antigenen aus Spenderblut. "Das hält aber maximal ein paar Wochen", sagt Leidel. Sei ein Säugling bereits erkrankt, helfe gar nichts mehr gegen Masern.

Zwei Berliner Schulen wegen Masern kurzzeitig geschlossen

Trotz dieser Lage hält Leidel - wie viele Bundespolitiker - eine Impfpflicht für Masern für den falschen Weg. "Erwägenswert wäre aber der Nachweis einer Impfung, bevor ein Kind in die Kita oder Schule kommt", sagt er. Diesen indirekten Druck fordern auch Deutschlands Kinderärzte, um unnötige Ansteckungen zu vermeiden. In Berlin wurden im Februar wegen Masern bereits zwei Schulen kurzzeitig geschlossen.

Das Anstreckungsrisiko gilt in der Hauptstadt zurzeit aber auch für Kinderarztpraxen. Mediziner sind zwar gehalten, kleine Masern-Patienten in gesonderten Zimmern zu behandeln. Doch nicht immer ist die Infektion mit den markanten roten Hautpusteln schon zu sehen. In Berlin haben Eltern von Säuglingen bereits gesonderte Termine außerhalb der regulären Sprechstunden mit ihren vollen Wartezimmern verlangt. Monks findet diese Lösung sinnvoll.

Und noch eines könnte langfristig helfen, sagt er. Wenn Kleinkinder die reguläre Masern-Impfung bekommen, sollten nicht geschützte Eltern gleich mit immunisiert werden. Doch das könnten Kinderärzte nicht, weil sie Patienten über 18 Jahre nicht behandeln dürften. Monks: "Diese Regelung halten wir bei Masern für falsch. Kinderimpfungen sind der einfachste Weg, um auch Eltern zu überzeugen."

Eltern der kranken Aliana warnen: Impfungen ernst nehmen

Angesichts der grassierenden Masernwelle und dem Tod eines Kleinkinds in Berlin appellieren die Eltern der todkranken Aliana aus Bad Hersfeld eindringlich, den Impfschutz nicht zu vernachlässigen. Frauen sollten unbedingt prüfen, ob sie ausreichend gegen Masern geimpft seien, bevor sie schwanger würden. Darauf weist auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland hin. Besonders bei in den 1970er und 1980er Jahren geborenen Frauen sei zum Teil nur unzureichend geimpft worden.

Nur durch eine Mutter mit Impfschutz ist auch ein Neugeborenes in den ersten Monaten gegen die hochansteckende Infektionskrankheit geschützt. Die Folgen einer fehlenden Impfung hat die mittlerweile fünf Jahre alte Aliana aus Bad Hersfeld in Osthessen getroffen. Sie leidet an der chronischen Maserngehirnentzündung SSPE. Die Krankheit verläuft immer tödlich.

Jeder sollte Vorsorge betreiben

"Als wir von dem Berliner Todesfall gehört haben, waren wir sehr traurig. Es ist unverständlich, warum die Leute nicht wach werden und sich nicht konsequenter impfen lassen. Jeder sollte die Möglichkeit nutzen und Vorsorge betreiben", sagte Alianas Vater Suvarez (34).

Seine Frau Mirella war durchs Raster gefallen, als in den 1970 und 1980er Jahren nur unzureichend gegen Masern geimpft wurde. Denn nur Mütter mit Antikörpern können ihren Kindern den sogenannten Nestschutz mitgeben, der das Neugeborene in den ersten Monaten schützt. Geimpft werden Kinder in der Regel ab dem elften Monat. Aliana hatte offenbar unbemerkt mit drei Monaten die hochansteckenden Masern bekommen.

Die Mediziner können keine Hoffnung machen

Aktuell geht es Aliana "nicht gut", wie ihr Vater Suvarez mit gedrückter Stimme sagt. Es sei ein ständiges Auf und Ab. "Es ist sehr schwer, sein eigenes Kind so zu sehen. Ohne unsere Hilfe kann sie gar nichts machen", erklärt er. "Leider können uns die Mediziner auch keine Hoffnung machen."

In einem von 150 bis 300 Fällen besteht nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte bei Säuglingen das Risiko, dass nach Masern später diese tödliche Komplikation auftritt.

Laut dem Robert Koch-Institut haben sich im noch jungen Jahr 2015 bereits mehr gemeldete Masernfälle ereignet, als im gesamten Vorjahr. 507 Fälle stehen 444 gegenüber. Bei den Säuglingen bis zu einem Jahr sind es 2015 bereits 44 Fälle (28 Fälle im Jahr 2014). In Hessen gibt es keine Masern-Welle wie in Berlin und an deren Orten.

Viele Patienten mussten ins Krankenhaus

Mehr als 22 000 Menschen in sieben Ländern haben sich seit Januar 2014 in Europa mit Masern angesteckt. In Berlin wuchs die Zahl der Fälle seit Beginn des Ausbruchs im Oktober auf mehr als 630. Mehr als zwei Drittel der Patienten erkrankten in diesem Jahr, darunter auch viele Erwachsene ohne Impfschutz. Bei rund einem Viertel aller Patienten verlief die Infektion bisher so schwer, dass sie ins Krankenhaus kamen.

Das verstorbene Kleinkind aus Berlin war nicht gegen Masern geimpft. Wer seinem Kind bewusst den Impfschutz verweigere, handele nicht im Interesse des Kindeswohls, betonte Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte. Verbandssprecher Ulrich Fegeler empfiehlt: "Wer nicht zweimal gegen Masern geimpft wurde, sollte dies dringend nachholen." Gefordert seien auch Frauenärzte, die ihre Patientinnen aufklären und den Impfstatus klären sollten. (dpa/lhe)