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Aus dem Leben der Thyssens

07.11.2010 | 17:56 Uhr
Aus dem Leben der Thyssens
Firmengründer August Thyssen. Foto: Ullstein

Essen.Eine ARD-Dokumentation gewährt am Montag Einblicke in die private und geschäftliche Welt des Stahl-Imperiums an der Ruhr. Ab 21 Uhr wollen die Filmemacher einen tiefen Einblick in die 140-jährige Familiengeschichte der „Thyssens“ geben.

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Deutschland, deine Dynastien: Auf die mit filmischem Großaufwand betriebene Krupp-Saga im ZDF (2009) antwortet die ARD nun mit einem Dreiteiler, der den in deutschen Wohnzimmern bisweilen schmerzlich empfundenen Mangel an aristokratischem Glanz und gesellschaftlicher Großbedeutung mit historischer Rückschau stillen will. Den Auftakt machen heute „Die Thyssens“ (21 Uhr), der Industriellen-Dynastie von der Ruhr folgen im Wochenabstand „Die Oetkers“ und „Die Guttenbergs“.

Dass die Filmemacher Julia Melchior und Sebastian Dehnhardt mit ihrer dicht aufbereiteten Thyssen-Dokumentation erstmals tiefen Einblick in die 140-jährige Familiengeschichte geben, überrascht zunächst, ist dieses deutsche Stahl-Imperium doch nicht nur im Ruhrgebiet Synonym für Schwerindustrie von Weltgeltung – und schillernden Society-Glanz. Allerdings verhinderte gerade der bisweilen heillos entzweite Familienclan wohl lange eine solche Aufarbeitung.

Der Film bewegt sich hingegen ausgewogen zwischen den zwei Antipoden, den Söhnen des Firmengründers August Thyssen, Heinrich und Fritz. Der Erstgenannte wird später Thyssen-Bornemisza heißen. Er hat ein erfolgreiches Firmenimperium von Eiersortiermaschinen bis zu Pumpen aufgebaut, war fünfmal verheiratet, er hat die bedeutendste private Kunstsammlung der Welt zusammengetragen und einen Erbstreit vom Zaun gebrochen, der bis zu seinem Tod 2002 Anwaltskosten in Millionenhöhe verschlingt.

1995 ausgeschieden

Fritz dagegen übernimmt das Stahlimperium des Vaters. Er ist ein sendungsbewusster, politisch naiver Wirtschaftsführer, der Kontakte zu Göring pflegt, auf eine gerechtere Wirtschaftsordnung unter Hitler hofft und doch bald ernüchtert formuliert: „Mein einziger Fehler ist, dass ich an Sie, Herr Hitler, ge­glaubt ha­be!“ Die Folgen für ihn und seine Frau Amelie sind drastisch: Beschlagnahme des Vermögens, Aberkennung der Staatsbürgerschaft, Internierung im KZ. Fritz Thyssen stirbt 1952 als gebrochener Mann in Ar­gentinien. Zwei Brüder, zwei Lebensläufe, die problemlos einen Zweiteiler gefüllt hätten.

Dass der Film trotz enormer Fakten-Fülle Zeit für Gespräche mit Enkeln, Großneffen und Biografen im bekannten „Knopp-Stil“ findet, dass auch Francesca von Habsburg vor die Kamera tritt, um über den Streit mit Stiefmutter Carmen („Tita“) zu berichten, macht den Film zu einem recht unterhaltsamen Mix aus historischen Fakten und kleinen Anekdoten, aus Firmen- und Zeitgeschichte, die den legendären Geiz von Firmengründer August Thyssen ebenso erwähnt wie die Anwürfe des britischen Publizisten David R. L. Litchfield. Dieser stellt zuletzt die schlagzeilenträchtige Nähe der Thyssen-Erbin Margit von Batthyány zum „Massaker von Rechnitz“ her, dem Massenmord an arbeitsunfähigen jüdischen Zwangsarbeitern im März 1945.

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Das letzte große Kapitel, das Zusammengehen der Konzerne Krupp und Thyssen im Jahr 1998, bleibt eine Randnotiz. Mit der Familien-Dynastie ist es ohnehin zu Ende, als der letzte Thyssen-Nachfahre 1995 aus dem Unternehmen ausscheidet.

Martina Schürmann

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Kommentare
10.11.2010
09:29
Aus dem Leben der Thyssens
von Caroline Schmitz | #3

Die Thyssens als Märtyrer darzustellen, die unser aller Wohlstand begründet haben, zieht an der Realität weit vorbei. Besonders abstoßend finde ich die Allusion, wir könnten die Thyssen Sammlung (die NICHT GESTIFTET, sondern für viele hundert Millionen VERKAUFT wurde!) nur deshalb geniessen, weil sich Heinrich wacker dagegen gewehrt habe, seine Bilder den Nazis zu übergeben, um damit seinen Bruder freizukaufen, und Fritz ein KZ-Martyrium auf sich genommen habe. Solange der Komplex Thyssen (und v.a. die Handlungen des Heinrich Thyssen-Bornemisza) nicht restlos aufgeklärt ist, solange haben wir auch keine restlose Aufklärung des Dritten Reiches. Für uns als Deutsche bedeutet dieses Nicht-Aufklären, dass wir weiterhin ALLE mit dem Ruf des verbrecherischen Nazitums behaftet sind. Dagegen wehre ich mich.

08.11.2010
20:24
Aus dem Leben der Thyssens
von feierabend | #2

Danke für diese sehr positive und objektive Darstellung einer dynastischen Zeitgeschichte, die nur allzu gern von Wirtschaft und Politik bewußt vergessen wird, beschönigt oder gar verleugnet.
Familie Krupp war in dieser Beziehung mit Sicherheit auch nicht viel humaner, rücksichtsvoller und ethisch-moralisch besser am Werk - immerhin haben sie viel für ihre Beschäftigten investiert und getan.Eigentlich sollte jede Waffenproduzierende Stahlindustrie für das Leid und Elend der unter den Kriegen und Morden leidenden Menschen und Völker mitverantwortlich gemacht werden. Auch die Regierung der USA haben sich seinerzeit nur allzugerne von der Stahlindustrie Thyssen und krupp distanziert - Fakt ist aber doch, dass letztendlich die Staaten an den Waffenimporten und Exporten mitverantwortlich sind. Sie übernehmen irgendwann die politische Verantwortung, den Part der moralischen Verpflichtung und Erklärung. Also doppelmoralisch gesehen produziert jeder Staat, der Waffenausfuhr zulässt, jeden Krieg und jeden Terror mit.
Wer hier die Trennung von Staat und Wirtschaft glaubt, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann, an Happy-ends, und an das Christkind - und daran, dass der Klapperstorch die Kinder bringt und der Osterhase Eier legt.
Hier werden bewusst die Bürger und Bürgerinnen hinters Licht geführt - und auf ihrer Kosten Wirtschafts- und Terratorialkriege betrieben.

08.11.2010
09:33
Aus dem Leben der Thyssens
von Caroline Schmitz | #1

Wenn Sie ´Heinrich Thyssen´ mit seinem Sohn Heini verwechseln und von Eiersortiermaschinen reden, statt davon, dass Fritz Thyssen´s Bruder ebenfalls im Stahlgeschäft, inklusive Nazi-Rüstung und Nazi-Banking aktiv war, dann begehen Sie Geschichtsklitterung. Ist es wirklich so schwierig, sich mit der eigenen Geschichte korrekt zu befassen?

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