Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Zugunglück

Augenzeugen des Zugunglücks geschockt: „Überall ist Blut“

16.02.2010 | 07:01 Uhr
Augenzeugen des Zugunglücks geschockt: „Überall ist Blut“

Brüssel. Selbst für erfahrene Helfer ist der Anblick des Zugunglücks mit mindestens 18 Toten nahe Brüssel nur schwer zu ertragen. „Hier liegen Tote, Verletzte – überall ist Blut“, sagt eine Sanitäterin vom Roten Kreuz. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Es ist einfach schrecklich.“

Sie hat einer Passagierin unter die Arme gefasst, die sich kaum auf den Beinen halten kann. Der Kopf der Frau steckt unter einem riesigen Verband, rote Spuren ziehen sich von der Wunde über ihrer Stirn bis hinunter zum Kinn, ihr Blick ist starr nach vorne gerichtet. Die Sanitäterin führt sie vorsichtig über den vereisten Gehweg, hinein in den Bahnhof, wo bereits andere Verletzte auf Bänken und Stühlen sitzen.

Auch Stunden nach dem schweren Zugunglück in der belgischen Stadt Halle bei Brüssel gleicht der winzige Bahnhof einer Notaufnahme-Station. In einem Raum verbinden Ärzte unentwegt Arme und Beine, geben Infusionen und messen Blutdruck. Auch vor dem Gebäude haben die Helfer Zelte aufgebaut, um die Verletzten zu versorgen. Das Sirenengeheul der Unfallwagen bricht nicht ab.

Mindestens 20 Todesopfer

„Im ersten Waggon sind alle tot“, schluchzt ein Mann. „Das wissen wir noch nicht genau“, versucht ihn ein Arzt zu beruhigen. Doch die Opferzahlen steigen stündlich. Bis zum Abend sind 18 Tote bestätigt, aber keiner kann sagen, wie viele Menschen sich noch eingekeilt in den Waggons befinden. Sanitäter erzählen von Notamputationen am Unglücksort, von Leichen und von furchtbaren Verstümmelungen; mehr als Menschen kommen mit leichteren Verletzungen davon. Sie werden in einem nahe liegenden Sportzentrum versorgt. Notfallseelsorger helfen den Überlebenden, die grausamen Bilder zu verarbeiten.

Das Unglück hatte sich gegen 8.30 Uhr ereignet, die Menschen waren auf dem Weg zur Arbeit in die Hauptstadt, und die beiden Pendlerzüge mit bis zu 300 Fahrgästen bis auf den letzten Platz gefüllt, als sie plötzlich frontal ineinander rasten. Viele Passagiere hatten Zeitung gelesen oder ein Nickerchen gehalten, als sie aus ihren Sitzen geschleudert wurden. Einer der beiden Lokführer habe ein Stoppsignal übersehen, heißt es später. Womöglich spielte auch das Wetter eine Rolle: Am frühen Morgen hatte es in Belgien so stark geschneit, dass die Sicht stark eingeschränkt war.

Schnee erschwert Rettungsarbeiten

Hunderte Meter vom Bahnhof entfernt versuchen Rettungsmannschaften auch am Mittag noch, Menschen aus den schwer beschädigten Waggons zu holen. Dichter Schnee treibt über die Gleise und erschwert den Helfern die Arbeit. Die Unglückszüge sind ineinander verkeilt, die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die ersten Wagen nach oben gedrückt wurden, darunter hat sich ein weiterer geschoben. Einige Waggons sind umgekippt und liegen auf dem Gleisbett.

„Es ging alles ganz schnell, plötzlich gab es einen Knall, ich wurde nach vorne geschleudert und dann war alles still“, erzählt Joseppe B., der das Unglück mit einigen Schrammen überstanden hat und nun die Bergungsarbeiten beobachtet. Feuerwehrmänner schieben Trümmer um Trümmer beiseite, doch sie können sich nur langsam vorarbeiten. Zwischen Brüssel und dem Südwesten des Landes kommt der Zugverkehr komplett zum Erliegen. Auch die Hochgeschwindigkeitsstrecken nach London, nach Deutschland und in die Niederlande sind unterbrochen.

Meldungen

Es ist das schwerste Zugunglück in Belgien seit neun Jahren, damals war ein Zug auf einem falschen Gleis gefahren und in einen anderen geprallt, neun Menschen kamen dabei ums Leben. Belgiens Ministerpräsident Yves Leterme bricht noch am Vormittag eine Balkanreise ab, um zum Unglücksort zu reisen - auch König Albert II. wird in Halle erwartet.

Erst am frühen Nachmittag beginnen die Helfer, die Leichen aus den verunglückten Zügen zu bergen, zuvor hatten sie sich ausschließlich um die Verletzten gekümmert. Flanderns Ministerpräsident Kris Peeters erklärt, dies sei ein neuer schwarzer Tag für Flandern. Einer der Helfer formuliert es so: „Das ist ein Alptraum, den man niemals vergisst.“

Katrin Teschner

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/3419786/create

Umfrage

Hat Schweden zurecht den ESC gewonnen?

 
Aktuelle Fotos und Videos
ESC-Siegerin Loreen
Bildgalerie
Fotostrecke
Die wichtigsten Fotos der Woche
Bildgalerie
Bilder des Tages
Wave Gotik Treffen 2012
Bildgalerie
Kulturfestival
Schweden gewinnt ESC
Bildgalerie
Fotostrecke
Aus dem Ressort
Atomreaktor in Bulgarien nach Panne von Stromnetz genommen
Kernenergie
Wegen einer Panne hat Bulgarien einen Atomreaktor vom Netz nehmen müssen. Radioaktivität ist nach offiziellen Angaben zwar keine ausgetreten. Dennoch wurde er sicherheitshalber abgeschaltet - vorerst.
Lady Gaga sagt Konzert wegen Sicherheitsbedenken ab
Musik
Das Anfang Juni in Indonesien geplante Konzert von Lady Gaga wird nun endgültig nicht stattfinden. Die Veranstalter sagten die Show am Sonntag aus Sicherheitsgründen ab. Es gehe um die Sicherheit der Sängerin und ihrer Zuschauer.