Auf Teufel komm ‘raus

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Rom..  Verzerrte Gesichter, wilde Flüche in seltsamen Sprachen, vom Teufel besessene, willenlose Menschen, und Priester, die mit vorgehaltenem Kreuz gegen das Böse kämpfen: Viele Vorstellungen von Exorzismen sind brutal und basieren auf Filmen. Gerade in Deutschland sind Teufelsaustreibungen ein Tabu-Thema. In anderen Ländern wird hingegen offen darüber gesprochen. An der katholischen Universität Regina Apostolorum in Rom etwa haben sich gerade Hunderte Exorzismus-Experten aus aller Welt ausgetauscht.

Teilnehmer aus aller Welt

Bereits zum zehnten Mal fand der Kurs „Exorzismus und Gebet der Befreiung“ statt. Priester, Mediziner, Psychologen und andere Experten diskutierten sechs Tage über den Kampf gegen den Teufel. Entstanden sei das Angebot auf Bitten von Priestern, die sich eine bessere Ausbildung gewünscht hätten, erklärt Organisator Padre Pedro Barrajón. Die Teilnehmer kämen aus Lateinamerika, Afrika, Asien, Europa, den USA.

Fast 30 Vorträge und Diskussionen stehen auf dem Programm, zu Themen wie „Handwerk des Teufels“, „Theologie des Exorzismus als Sakrament“ oder „Magisch-okkultistische Rituale und teuflischer Einfluss“. Father Francis Rozario stammt aus Indien und arbeitet in Afrika. Er erhofft sich Hilfe, wie er die Situation dort verbessern kann: „In Afrika gibt es viel zu wenige oder falsche Exorzisten.“

In Italien gibt es etwa 300 Exorzisten. Papst Franziskus hat mehrmals betont, dass es das Böse auch heute noch gibt. Laut Vorgaben des Vatikans ist der Exorzismus aber keine gewaltsame Teufelsaustreibung, wie sie in Filmen oft dargestellt wird, sondern der Versuch, Besessenheit mit einem religiösen Ritus anzugehen. In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen zu Teufelsaustreibungen.

Der Journalist Marcus Wegner, der sich seit 13 Jahren mit dem Thema „Exorzismus“ beschäftigt, ist sich sicher: „Wir haben derzeit zwei bis drei Teufelsaustreibungen pro Tag in Deutschland in der katholischen Kirche, die aber nicht offiziell sind. Aus Reihen der evangelikalen Szene sind es sechs bis sieben.“ Er warnt vor einem „Wildwuchs“ vor allem in Freikirchen, wo ohne Regeln Exorzismen durchgeführt würden. „Viele machen das nach der uralten Version aus dem Mittelalter...“ Dies sei häufig brutal und könne schlimme Folgen für Betroffene haben.

In der katholischen Kirche liefen Exorzismen im Gegensatz dazu weitgehend geregelt ab. Auch eine Zusammenarbeit zwischen Exorzisten und Psychotherapeuten, wie ihn der Vatikan vorschreibt, hält Wegner für sinnvoll. Viele vermeintlich Besessene seien „besessen von ihrer Besessenheit. Die wollen auf Teufel komm raus beweisen, dass der Teufel in ihnen steckt.“ Das habe auch viel mit Suggestion zu tun. Ein Exorzist, der nicht namentlich genannt werden möchte, gibt zu: „Über die Hälfte der Personen, die zu mir kommen, sind nicht besessen.“ Dennoch sei der Leidensdruck dieser Menschen oft groß.

„So normal wie die Kommunion“

Bei dem Kurs in Rom wird der Exorzismus aus mehreren Perspektiven beleuchtet: wissenschaftlich, juristisch, theologisch. Pater Helmut Moll aus Köln hat über die Kriterien der Besessenheit referiert. „Das darf kein individuelles Urteil sein, es gibt vier Faktoren“, sagt er. Der Mensch müsse in einer fremden Sprache sprechen, er habe übernatürliche Kräfte und könne Dinge sehen, die weit weg sind. Das vierte und entscheidende Kriterium sei die „Abneigung gegen Gott“, erläutert der Experte.

In Deutschland wird das Thema auch wegen des Todes der erst 23 Jahre alten Anneliese Michel nach einem Exorzismus 1976 zurückhaltend behandelt. „Viele Bischöfe haben Angst im Umgang mit dem Thema. Aber nach und nach beginnt es auch in Deutschland, sich zu entwickeln“, ist sich Barrajón sicher. Er denkt: „Ein Exorzismus sollte so normal sein wie die Kommunion.“