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Auf Danica fahren alle ab

23.02.2013 | 00:19 Uhr
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Washington. Sie hat glühende Fans, die noch nicht ein einziges ihrer Rennen gesehen haben. Stattdessen aber 500-mal die freizügigen Fernseh-Spots, die der Internet-Vermarkter „godaddy.com“ seit Jahren speziell für die Werbepausen beim Endspiel der US-Football-Meisterschaft basteln lässt. Sei’s drum. Danica Patrick macht darin genauso Bella Figura wie im Pilotensitz ihres 865 PS starken Chevrolet Impala.

Acht Jahre nach ihrem Debüt in der Männer-Domäne Automotorsport ist die 30-jährige Multimillionärin aus Phoenix, US-Staat Arizona, am Ziel. Beim Auftakt-Klassiker der Nascar-Serie, der Konkurrenzveranstaltung der Formel 1 in den USA, steht mit der nur 1,52 Meter großen und 46 Kilogramm leichten Pilotin zum ersten Mal eine Frau auf der Pole-Position des legendären Daytona-500-Rennens. Führe sie auf dem 2,5 Meilen langen Hochgeschwindigkeitskurs in Florida der Konkurrenz wie in der Qualifikation davon, zu der so große Namen wie Dale Earnhardt jr. oder der frühere Formel-1-Fahrer Juan Pablo Montoya gehören, wäre eine der letzten Männer-Bastionen im US-Sport gestürmt.

Bevor erwartete 200 000 Fans an der Strecke und 25 Millionen an den Fernsehschirmen das raubautzige Kräftemessen bei Tempo 350 km/h wieder zu einem Spektakel mit Barbecue, Gottesdienst und Nationalhymne werden lassen, muss „Dänika“, wie Amerika die Sportlerin ruft, einen Interview-Marathon überstehen. Fragen nach Quotenfrau-Strickart wird die an ihrem giftgrünen Overall gut zu erkennende Ausnahme-Fahrerin aus Beloit, US-Staat Wisconsin, wie gewohnt abbügeln. „Ich bin nur ein Rennfahrer, der zufällig eine Frau ist“, lautet ihr Standard-Konter.

Boxenstopp-Impressionen aus dem Leben der schnellsten Frau der Welt: Schon als Zehnjährige kutschierten die Eltern Danica und ihre Schwester Brooke an den Wochenenden zu den Kart-Bahnen im Mittleren Westen. „Ich wusste nach ein paar Runden, dass sie talentiert ist. So viel Konzentration. So viel Übersicht, das fiel allen auf“, erinnerte sich Vater T. J. in einem Interview mit dem „New Yorker“. Mit 16, etliche nationale Jugend-Titel später, verließ die junge Frau ihr damaliges Nest und ging auf Papas Rat zur Fahrerinnen-Fortbildung nach England. Sie hat es gehasst. Das Wetter, das Essen, die Engländer.

Doch in Brands Hatch erregte sie die Aufmerksamkeit von Bobby Rahal, einst Champ in der feinen Indy-Rennklasse, wo die Zuschauer Champagner trinken statt Bier. Ebendort gab sie 2005 ein Debüt für die Geschichtsbücher. 19 Runden Nahkampf Stoßstange an Stoßstange überstand Danica Patrick so prächtig, dass sie die männlichen Drängler konstant im Rückspiegel betrachteten konnte. Dann ging ihr beim traditionellen Rennen in Indianapolis der Sprit aus. Trotzdem Platz vier. Drei Jahre später in Japan der erste Sieg einer Frau in der Indycar-Klasse. Plötzlich eilte ihr so viel Ruhm voraus, dass auch die Formel 1 hellhörig wurde. Richard Branson wollte sie für seinen Virgin-Racing-Rennstall gewinnen. Patrick lehnte ab. Land und Leute in Nascar-Country waren dem All-American-Girl lieber.

Feministinnen auf der Palme

Aussehen, Fahrgefühl und Geschäftskalkül katapultierten Danica Patrick bei Sponsoren und Gönnern bald in siebenstellige Dollar-Ränge. Und Feministinnen auf die Moralpalme. Weil sie für Mode- und PR-Aufnahmen regelmäßig ihr letztes Hemd gibt. Als „Sports Illustrated“ die zierliche Person einmal für die alljährliche Bademoden-Sonderausgabe gewann, schlugen die Wellen besonders hoch. Boxenluder fürchteten um ihren Broterwerb. Das männliche Beifahrerfeld vertrat sich unterdessen unruhig die Beine. Dabei war Danica Patrick längst vergeben. Paul Edward Hospenthal hatte sich um die Hüfte der Rennpilotin nach einer Überanstrengung beim Yoga verdient gemacht. Wenig später nahm sie ihn zum Mann. Bis zur Scheidung im letzten Herbst. Seither hält Ricky Stenhouse jr., ein fünf Jahre jüngerer Konkurrent im Nas­car-Zirkus, ihr die Hand und auch neben der Strecke die Tür auf.

Sollte am Sonntag in Daytona zum ersten Mal eine Frau als Nr. 1 über die Ziellinie fahren, wäre Frau Patrick am wenigsten überrascht. „Klar, kann ich gewinnen“, hat sie einmal im TV gesagt. Warum? Übersetzt hieße es wohl: „Frau lenkt besser, als Mann denkt.“

Dirk Hautkapp

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