Arme Seelen aus dem Kieler Quartier

Kiel..  Immer wieder zeigt die Kamera die Tristesse der grauen Plattenbauten der Siedlung am Rande der Gesellschaft. In den Wohnungen lebt das Elend auf unterschiedlichste Art, und auf der Straße lungern die Kids, ohne so recht zu wissen, was sie tun sollen. Hinter einer Wohnungstür, im mit Flaschen übersäten, verhunzten Wohnzimmer entdeckt ein Kind die Leiche: Den pädophilen 60-jährigen Onno Steinhaus, blutüberströmt, erschlagen. Der Hammer liegt noch da. Ein im Internet verbreitetes Video zeigt eine wüste Party des alkoholabhängigen Hartz-IV-Empfängers mit Kindern aus dem Viertel.

Soziale Verrohung

Im Kieler „Tatort“-Krimi „Borowski und die Kinder von Gaarden“ (heute, 20.15 Uhr, ARD) tauchen die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) im Zuge ihrer Ermittlungen ein in eine Welt der Perspektivlosigkeit, der sozialen und emotionalen Vernachlässigung und Verrohung.

Die Grimme-Preisträger Eva und Volker A. Zahn (“Ihr könnt euch niemals sicher sein“, „Mobbing“) haben für ihr Drehbuch einen authentischen Fall aus Berlin als Vorbild genommen. Damals erschlug ein missbrauchter Junge aus Rache und Verzweiflung seinen Schänder. „In Kiel-Gaarden, wo unsere Geschichte spielt, leben rund 60 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind“, sagt Volker A. Zahn. „Wir wollten aber von Anfang an kein klassisches Sozialdrama erzählen, sondern auf spannende Weise illustrieren, wie sich Kinderarmut in einem scheinbar wohlhabenden Land wie Deutschland manifestiert“, ergänzt Eva Zahn.

Im „Tatort“-Krimi ist der Star eine Kinder-„Gang“ - wobei Timo als Verdächtiger im Fokus steht. Der bei den Dreharbeiten erst 14-jährige Bruno Alexander spielt ihn außergewöhnlich ausdrucksstark mit viel Leidensdruck, aber auch mit Stolz und Lebenshunger. Auch die anderen Kids überzeugen durch flapsige Sprüche, cooles Gehabe - sie sind im Alltag weitgehend auf sich selbst gestellt. Regisseur Florian Gärtner („Drachenland“, „Das Feuerschiff“) wollte unbedingt Kinder einsetzen und nicht bereits Ältere: „Mir ging es darum, dass sie gute Typen sind, die authentisch wirken.“

Zwielichtige Figur

Eine zwielichtige, undurchschaubare Figur ist der Stadtteil-Polizist Thorsten Rausch (Tom Wlaschiha). „Platzhirsch“, nennt ihn Borowski verächtlich, weil Rausch mit Sonnenbrille und harten Sprüchen den Rambo seines Viertels gibt. Praktisch inflagranti ertappt, als er gerade mit einer Nachbarin in engerem Kontakt als üblich steht, antwortet der Cop auf Borowskis Frage, was er denn hier mache, lapidar: „Revierpflege“.

Borowski geht das Schicksal des jungen Timo, für den er zur Vaterfigur wird, mehr unter die Haut. Die überraschende Schlusswendung zeigt, warum ein Brennpunkt wie Gaarden zum Tatort werden kann. Es geht darum, nicht nur zu leben, sondern auch geliebt zu werden. Ein Krimi der Extraklasse.