„Angriff auf die Gesundheit der Patienten“

Der Griff zum OP-Besteck führte in der Uniklik Mannheim zwangsläufig zu unhygienischen Instrumenten. Sieben Jahre  lang.
Der Griff zum OP-Besteck führte in der Uniklik Mannheim zwangsläufig zu unhygienischen Instrumenten. Sieben Jahre lang.
Foto: picture alliance / dpa
Was wir bereits wissen
Im Skandal um verdreckte Skalpelle in der Uniklinik Mannheim geraten Verantwortliche ins Visier. Eine Statistik weist Infektionsraten von bis zu 20 Prozent aus.

Mannheim.. Der Skandal um missachtete Hygiene-Gesetze und verdreckte OP-Bestecke in der Mannheimer Uniklinik schlägt Wellen. Verbände und Experten fordern Strafen und Rücktritte. Für Zehntausende von Patienten, die ahnungslos auf OP-Tischen lagen, gibt es einen juristischen Hoffnungsschimmer: eine Akte mit Infektionsdaten, die teuer werden könnte für die Skandalklinik.

Die Klinik soll (wie berichtet) jahrelang an Medizinproduktegesetz und Infektionsschutzgesetz vorbei operiert haben. Zu diesem Schluss kommt eine Gutachterkommission. „Nach objektiver Einschätzung“ sagen die Prüfer: Von 2007 bis 2014 sei die Klinik – technisch, personell und organisatorisch – nicht in der Lage gewesen, Sterilgut korrekt zu säubern. Bis zu 350 000 Patienten könnten unter Messer gekommen sein, die niemals hätten benutzt werden dürfen.

„Angriff auf die Gesundheit der Patienten“

„Das ist ein Schock. Das vermutet man ja höchstens in der Dritten Welt“, sagt Professor Klaus-Dieter Zastrow, Chef des Berufsverbandes Deutscher Hygieniker (BDH) und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). Unsaubere Instrumente seien „ein Angriff auf die Gesundheit der Patienten“.

Bei Operationen mit solchen Geräten seien „Infektionen unvermeidbar“, sagt Zastrow, Hygiene-Chef des größten kommunalen Krankenhauskonzerns in Deutschland, der Vivantes Klinikum GmbH in Berlin. Die Klinikleitung habe das hohe Risiko „billigend in Kauf genommen“, die Aufsichtsbehörde „völlig versagt“, als sie die Zentralsterilisation trotz erkannter Mängel weiter laufen ließ. „Die hätte sofort geschlossen werden müssen“, sagt Zastrow.

„Die Folge des Diktats: Rendite regiert“

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert den Rücktritt des Klinik-Aufsichtsrates. „Es wird Zeit, dass er sich zu seiner Verantwortung bekennt“, sagt Eugen Brysch, Vorsitzender der Stiftung mit 55 000 Mitgliedern und Förderern.

Der Skandal sei „die Folge des Diktats: Rendite regiert“, sagt Jan Schultze-Melling vom Ärzteverband Marburger Bund. „Sparen bei der Hygiene und Sparen beim Personal“ – das könne nicht gut gehen.

Infektionsraten bis zu 20 Prozent

„Das ist eine Katastrophe, die Konsequenzen haben muss“, sagt Patientenanwalt Burkhard Kirchhoff. Für Patienten und Mitarbeiter sei es „eine Zumutung, unter gravierenden Versäumnissen führender Köpfe leiden zu müssen“. Wer mit Keimen infiziert worden sei, habe „angesichts dieser Mängel durchaus ordentliche Chancen“ vor Gericht.

Möglicherweise steigen die Chancen durch eine Akte, die die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt hat. Nach Informationen der Funke-Mediengruppe enthält sie Infektionsstatistiken. Die weisen gehäufte Komplikationen aus: Infektionsraten von bis zu 20 Prozent. Schultze-Melling: „Das wäre nicht normal. Damit müsste die Klinik ihre Unschuld beweisen.“