Als schwarzer Schwan an die Spitze getanzt

Misty Copeland
Misty Copeland
Foto: imago/Future Image
Misty Copeland gelang ein historischer Schritt. Die Tänzerin steigt zur ersten schwarzen Primaballerina in New York auf. Das Publikum feiert sie.

Washington..  Als sie im April in Washington ein ausverkauftes Gastspiel gab, spielten sich rührende Szenen im ehrwürdigen Kennedy-Center ab. Zuschauer jeden Alters standen nach Tschaikowskys „Schwanensee“ mit Tränen in den Augen am Bühnenrand, um nur ja ein Handy-Foto von Misty Copeland zu ergattern. Nie zuvor hatte eine schwarze Ballett-Tänzerin die schwierige Doppelrolle von Odette und Odile hier übernommen und so märchenhaft gemeistert. Tagelang waren die Internet-Foren der „Washington Post“ voll des Lobes für die entwaffnende Anmut in Copelands Darbietung.

Jetzt fand der Jubel seine Fortsetzung weit über die Hauptstadt hinaus. Zum ersten Mal in seiner 75-jährigen Geschichte hat das renommierte „American Ballet Theater“ (ABT) in New York, in dem schon Nurejew engagiert war, mit der 32-Jährigen eine Afro-Amerikanerin zur Primaballerina gekürt.

„Alles was anders aussah, war falsch“

In der Welt der Künste ist die Personalie gleichbedeutend mit dem Durchbrechen einer dicken Glasdecke, die niemand besser ermessen kann als Copeland selbst. Für sie ist George Balanchine, der Vater des amerikanischen Balletts, verantwortlich für die jahrzehntelange Farbenblindheit des Metiers. Eine Ballerina musste die „Haut eines geschälten Apfels haben“ und den Körper eines Mädchens „vor der Pubertät“, sagte sie kürzlich in einem Interview, „alles was anders aussah, war falsch.“

Das Ergebnis war klar. „Warum sollen wir mit unseren Kindern ins Ballett gehen, wenn sie sich auf die Bühne nicht wieder finden“, bekam Misty Copeland in den vergangenen Jahren oft von afro-amerikanischen Eltern zu hören. Dabei arbeitete sie doch schon seit fast 20 Jahren an der passenden Antwort.

Misty Copeland hat die Kunst des wie schwebend in der Luft stehenden Grand Jeté nicht mit den goldenen Löffeln verabreicht bekommen wie Töchter besserer Häuser.

Ablenkung für das Trennungskind

Als sie zwei war, trennten sich Mutter und Vater. Sylvia DelaCerna, erst selbst Tänzerin, dann Cheerleaderin, zog mit ihren vier Kindern von Kansas City nach Kalifornien. Nach weiteren Ehen und zwei neuen Geschwistern, war im Leben der Matriarchin kein Platz mehr für einen Teenager auf Sinnsuche. Misty fand mit 13 Jahren Ablenkung beim Ansehen von Videos der rumänischen Olympia-Turnerin Nadia Comaneci und dem Kopieren der Tanzschritte von Popsternchen Mariah Carey. Ein Sportlehrer überredete sie, doch einmal Stunden an der Stange zu nehmen. Im Wandspiegel überkam Misty Copeland zuerst das Gefühl: „Ich reiche nicht aus.“ Mutter Sylvia war keine Hilfe. Weil die Ballett-Schule Busstunden entfernt war, wollte sie ihre Tochter davon abringen.

Andere hatten mehr Gespür und Vertrauen. Misty zog zu ihrer Trainerin Cinthya Bradley. Und blühte in der Gastfamilie auf. Mit 15 wollte sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen. Wieder stand Mutter im Weg. Sie schaltete eine Anwältin ein, um sie zur Rückkehr zu bewegen und die Ballettschuhe an den Nagel zu hängen. Copeland, die in Interviews enorm selbstsicher und in sich ruhend wirkt, setzte sich durch. In ihren Memoiren suchte sie später zaghaft nach Versöhnung. „Meine Mutter hat getan, was sie konnte. Keines meiner Geschwister ist im Gefängnis, auf der Straße oder tot.“

Trotz turbulenter Teenager-Zeit wurde Misty Copeland mit 17 Jahren an der New Yorker Ballett-Kaderschmiede ABT angenommen. Die tägliche Schinderei an der Stange, die endlosen Pliés und der Kampf gegen die eigene Schwerkraft, den Copeland als einzig Schwarze im Ensemble aufnahm, zahlten sich nach und nach aus. Ihr Freund, Olu Evans, ein Jurist, brachte ihr bei, was sie heute bei täglichen Tanz-Drills als ihr Grundgesetz bezeichnet: „Mein Körper ist mein Instrument. Es muss gepflegt werden.“ So gepflegt, dass der Sportartikel-Riese „Under Armour“ sie in einem hinreißenden Internet-Video verewigte, das inzwischen acht Millionen Zuschauer angeklickt haben.

Tänzerin bei „Prince“

Copelands Reichweite ist längst größer als die Ballett-Bühne des ABT, die sie seit acht Jahren als Solo-Tänzerin prägt. Sie hat für „Prince“ getanzt. Ihr Buch „Life in Motion: An Unlikely Ballerina“ (eine unwahrscheinliche Ballerina...) wird verfilmt. Erst im April hat sie das „Time“-Magazin in die Liste der weltweit 100 einflussreichsten Persönlichkeiten aufgenommen. Und Superstars wie Beyonce und Barack (Obama) beziehen sich auf ihren Rassengrenzen schleifenden Erfolg. Auf einmal ging alles ganz schnell. Dabei hatte Misty in einem Interview mit der Grand Dame des öffentlichen Rundfunks, Diane Rehm, noch ihre Sorge gestanden, dass es „wohl noch 20 Jahre dauern könnte“, bis das Amerika des 21. Jahrhunderts eine schwarze Primaballerina hat. Jetzt begann mit ihr die neue Zeitrechnung.

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