"Alles Verbrecher" - Miss Marple auf Hessisch enttäuscht

Hertha Frohwitter kämpft nicht nur gegen Verbrecher, sondern auch gegen Hunde, die hässliche Hüte klauen.
Hertha Frohwitter kämpft nicht nur gegen Verbrecher, sondern auch gegen Hunde, die hässliche Hüte klauen.
Foto: HR/Degeto/Christian Lüdeke
Der ARD-Krimi „Alles Verbrecher“ (Donnerstag, 20.15 Uhr) besticht durch ein ungewöhnliches Ermittlerduo und viele Gags. Nicht alle sind gelungen.

Essen.. Dumm gelaufen. Auf die zärtlichen Finger seiner Geliebten Maren (Julia Richter) hat Vorstadt-Casanova Rudi Sterzenbach (Rainer Ewerrien) sich gefreut, nun klatscht ihm die kalte Hand des Todes ins Gesicht. Denn im Untergeschoss des Rohbaus, in dem sie sich zum heimlichen Geschlechtsverkehr getroffen haben, hat es offenbar ein Verbrechen gegeben.

Jedenfalls liegt da nun der Immobilienhai in seinem Blut, der das Viertel ummodeln will – pikanterweise in einem Transparent der Bürgerinitiative, die genau das verhindern will. Natürlich sind das nicht „Alles Verbrecher“, wie es im Titel heißt, aber ein paar sind doch darunter.

So beginnt der zweite Fall für ei­nes der ungewöhnlichsten Ermittlerduos, das derzeit im deutschen Fernsehen auf Gaunerjagd geht. Ulrike Krumbiegel spielt Hertha Frohwitter, eine Kommissarin, die so ziemlich alle Marotten in sich vereint, die TV-Ermittler in den vergangenen Jahren an den Tag gelegt haben. Einen uralten VW-Jetta bewegt sie so betulich durch Frankfurt, dass man sich sorgt, dass gleich der erste Fußgänger kommt und das Auto überholt. Und offenbar besitzt sie weder einen Spiegel noch Freunde, die sie modisch beraten. Anders sind vor allem ihre Hüte nicht zu erklären. Ihr Partner heißt Marco Petrassi, wird gespielt von Daniel Rodic und ist vom Drehbuch ebenfalls gleich mit ei­nem ganzen Berg Klischees beladen worden, die in geballter Form eher langweilen als unterhalten. Italienischer Schönling mit aufgemotztem Sportwagen, viele Muckis, wenig Hirn. Manchmal ist das alles ein wenig dick aufgetragen.

Ein Krimi, der sich nicht entscheiden kann, was er sein will

Miss Marple trifft auf einen, der offenbar gerne bei Alarm für Cobra 11 mitspielen würde. Da muss man nicht langen raten, wer die Fäden in der Hand hält, in diesem Krimi, der sich nicht so richtig entscheiden kann, ob er lieber eine Art „Tatort“ mit schwarzem Humor sein will oder doch eher wie „Mord mit Aussicht“ mit einem ernst zu nehmenden Fall. Mancher Gag ist gelungen, anderes aber wirkt albern. Manchmal merkt man schon, dass „Alles Verbrecher“ ursprünglich mal die ARD-Vorabend-Krimis auffüllen sollte.

ARD-Krimi Jedenfalls haben Frohwitter und Petrassi weitgehend freie Hand bei ihren Ermittlungen. Denn pikanterweise gehört ihr Chef Quabeck, der in seiner Freizeit gerne alte Dampflokomotiven restauriert, zum Vorstand der Bürgerinitiative. Damit ist er zwar nicht wirklich verdächtig, beruflich aber raus aus dem Fall. Ins Visier der Polizei gerät dann auch bald Raffael Sobcinski, der zu Cholerik neigende Kompagnon des Ermordeten. Man muss ihn erwähnen, weil Oliver Stokowski „den Mann vom Bau“ so großartig spielt. Nitroglyzerin auf zwei Beinen, das bei der kleinsten Erschütterung explodiert. „Was soll dä Affezirkus hier?“, brüllt er die Ermittler am Fundort der Leiche an, schmeißt gerne mal ein Handy vom Dach eines Wolkenkratzers und kommt am Ende schwer angetrunken zu dem Schluss: „Is’ doch alles Scheiße!“ Nein, ist es nicht. Aber Luft nach oben ist noch reichlich da.

Fazit: Erbarmen, die „Hesse komme“. Besser als der erste Fall, aber immer noch gewöhnungsbedürftig.

ARD, Donnerstag, 20.15 Uhr