Alkoholtest vor dem Kneipenbesuch

London..  Samstagnacht, Broad Street, in der Innenstadt von Birmingham: Die junge Frau hätte wirklich keine Stöckelschuhe anziehen sollen. So angeheitert wie sie ist, würde ihr das Laufen schon in Pantoffeln schwer fallen. Sie versucht es trotzdem und fällt hin. Ihr Freund hat im Moment andere Sorgen, als ihr zu helfen. Er prügelt sich gerade mit einem Mann, der genauso betrunken scheint wie er selbst.

Übelriechende Pfützen auf dem Bürgersteig erklären, warum die Broad Street in Birmingham im Volksmund „vomit alley“ – Kotzgasse – genannt wird. Es ist eine typische Szene, die sich hier abspielt. Am Wochenende werden britische Innenstädte von Betrunkenen vereinnahmt und selbst für die Polizei zu „No-Go-Zonen“, die völlig au­ßer Kontrolle geraten. Diese Sturztrinker, wetterte der Kolumnist John Sutherland im „Guardian“, seien ein übles soziales Phänomen: „einfach hässlich: eine menschliche Form des Straßenmülls“.

Jetzt ergreift Birmingham, die zweitgrößte Stadt des Königreichs, Maßnahmen gegen die ausufernde Trinkkultur. Mehr als 40 Pubs und Clubs in der Innenstadt wollen keine Betrunkenen mehr einlassen und rüsten ihre Türsteher mit Alkohol-Messgeräten aus.

Nicht mehr als 0,7 Promille

Wer rein will, muss ins Röhrchen pusten. Und wer mehr als 0,7 Promille intus hat, muss draußen bleiben. Die Initiative in Birmingham ist das erste groß angelegte Pilotprojekt seiner Art im Königreich. Stadträtin Barbara Ding begrüßte, dass die Pubs jetzt gegen Trunkenbolde durchgreifen, denn „die gefährden sich selbst und machen Ärger am Ende der Nacht“.

Nicht umsonst kommt aus England jener Ausdruck, der mittlerweile Einzug in den deutschen Wortschatz gefunden hat: „binge“. Denn kein Land in Europa huldigt dem „binge drinking“, dem gezielten Über-den-Durst-Trinken, mehr als Großbritannien. 40 Prozent aller Fälle von Alkoholkonsum, schätzt die britische Regierung, müsse als „binge“ klassifiziert werden, was bedeutet, dass mindestens fünf halbe Liter Bier – und oft sehr viel mehr – während einer Sauftour die Kehle hinunter rauschen. Hinzu kommt, dass junge Männer in Großbritannien gerne „pre-loaden“, sich also vor dem Kneipenbesuch schon mal mit billigem Supermarkt-Fusel alkoholisieren.

Vorglüher sind schlechte Kunden

„In den letzten Jahren“, sagt Dave Francis, Polizeiobermeister in Birmingham, „ist das Phänomen des Preloading explodiert. Leute steigen aus dem Taxi mit einer Flasche Wodka in der Hand, die sie schnell leeren, bevor es in den Pub geht.“ Solche Vorglüher seien schlechte Kunden, so Francis. „Innerhalb ei­ner halben Stunde sind sie total besoffen, kaufen keine Drinks mehr und machen stattdessen Ärger“. Das haben die Kneipenbesitzer in Birmingham jetzt auch eingesehen. Komasäufer unerwünscht, heißt die Botschaft. Die Broad Street in Birmingham will nicht mehr Kotzgasse genannt werden.