1000 Ex-Nazis waren US-Spione

Foto: Nicolas Armer
Was wir bereits wissen
US-Geheimdienste haben während des Kalten Krieges Ex-Nazis als Spione im ideologischen Wettstreit gegen die Sowjetunion eingesetzt. 

Washington. Im Umgang mit Hitlers früheren Helfern haben sich amerikanische Behörden von sehr verschiedenen Grundsätzen leiten lassen. Während in Nürnberg 1945/46 von den Siegermächten noch Gericht über die Hauptkriegsverbrecher gehalten wurde, gefolgt von Todesurteilen, haben US-Geheimdienste während des Kalten Krieges Ex-Nazis als Spione im ideologischen Wettstreit gegen die Sowjetunion eingesetzt.

Wie Eric Lichtblau in seinem neuen Buch „The Nazis Next Door – How America Became A Safe Haven For Hitler‘s Men“ nachweist, haben der damalige FBI-Chef J. Edgar Hoover und CIA-Direktor Allen Dulles über 1000 Ex-Nazis angeheuert.

Dem Ziel, den Kommunismus in der Einflusszone der Sowjetunion einzudämmen, ordneten die USA vieles unter; moralische Bedenken inklusive. Hitler-Anhänger wurden bezahlt, vor Strafverfolgung geschützt und oft an den Einwanderungsbehörden vorbei ins Land geholt. Amerika, das sich als Zufluchtsort der Verfolgten rühmte, war auch ein Zufluchtsort für die Verfolger.

Lichtblau beschreibt den Fall Otto von Bolschwing. Der SS-Offizier war Mitarbeiter von Adolf Eichmann, dem Wegbereiter der Juden-Vernichtung. Bolschwing arbeitete für die USA als Spion und konnte 1954 „als Belohnung für seine loyalen Dienste“ samt Familie nach New York übersiedeln. Als israelische Agenten Eichmann 1960 in Argentinien aufstöberten, suchte der Alt-Nazi den Schutz der CIA. Der Geheimdienst verschleierte über 20 Jahre Bolschwings enge Verbindung zum Hitler-Regime.

Ähnlich verfuhr der Dienst im Fall von Alexander Lileikis, der für den Tod von 60 000 Juden im Baltikum mitverantwortlich gemacht wurde. 1952 heuerte ihn die CIA an – für 1700 Dollar Jahresgehalt und monatlich zwei Zigaretten-Stangen. Später durfte Lileikis in die USA einwandern. Erst 1994 bereiteten US-Ankläger ein Verfahren gegen ihn vor. Die CIA intervenierte bis zum Schluss.

Eric Lichtblaus Recherchen knüpfen an einen Bericht des US-Justizministeriums aus dem Jahr 2010 an. Danach ließen die USA Tausende Helfer Hitlers ins Land und begannen erst in den 70er-Jahren zu untersuchen, um welche Kaliber es sich handelte. Eine Spezialabteilung, das „Office of Special Investigations“, versuchte später jene Personen abzuschieben, die zu Unrecht in Amerika Zuflucht gefunden hatten.

Sozialleistungen laufen bis heute

Dass es dabei ebenfalls zu zweifelhaften Praktiken kam, beschrieben vor wenigen Tagen die Journalisten David Rising, Randy Herschaft und Richard Lardner. Danach bekamen Dutzende NS-Kriegsverbrecher nach ihrer Ausweisung aus den USA mit Wissen des Außenministeriums weiter Sozialleistungen. In vier Fällen – Beispiel: Jakob Denzinger – laufen die Zahlungen offenbar bis heute. Der frühere Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz floh 1989 aus Ohio nach Deutschland, um ein Ausbürgerungsverfahren zu umgehen. Er lebt in Kroatien. Der 90-Jährige bekommt im Monat 1500 Dollar aus Amerika. Die demokratische Kongressabgeordnete Carolyn Maloney hat sich an Präsident Obama gewandt. „Es ist absolut empörend, dass Nazi-Kriegsverbrecher weiter Sozialleistungen erhalten“, sagte sie der „New York Daily News“.