Oliver Mommsen hat die gute Laune schon morgens im Blut

In der Komödie „Eine Sommernacht“ überzeugten Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen im Iserlohner Parktheater vor allem mit Sprach- und Spielwitz sowie schräger Mimik und Gestik.
In der Komödie „Eine Sommernacht“ überzeugten Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen im Iserlohner Parktheater vor allem mit Sprach- und Spielwitz sowie schräger Mimik und Gestik.
Foto: IKZ

Iserlohn.. „Das Stück ist mir eigentlich ziemlich egal“, hatte am Abend im Iserlohner Parktheater-Foyer die mittelalte, fröhliche Dame gesagt: „Ich will Oliver Mommsen sehen.“ Und dabei ihrer Freundin augenzwinkernd noch ein neckisches Sekt-Prösterchen zugeblinzelt. Und auch der eine oder andere Mann lässt sich an diesem Abend zu durchaus positiven Einschätzungen wie „offenbar ein Sympathie-Bolzen“ hinreißen. Keine Frage, an dem Herzblut-Schauspieler Mommsen zwischen „Tatort“ und „King’s Speech“ scheiden sich nicht viele Geister. Und zum Gesprächstermin am nächsten Morgen erscheint der überzeugte Kreuzberger schon wieder so, als sei er über Nacht am Ladegerät gewesen.

Herr Mommsen, sind Sie heute Morgen schon so gut gelaunt wie jetzt aufgewacht?

Darüber habe ich auch gerade nachgedacht. Ich wurde heute Morgen wach und habe gedacht, habe ich jetzt einen Laster auf mir? Ich war platt. Doch dann habe ich mir gesagt: So, jetzt aufstehen – und dann ist auch gleich die Laune da. Damit bin ich übrigens schon vielen Leuten im Internat auf die Nerven gegangen, weil ich morgens die Tür aufgerissen und „Juchuu, was geht ab?“ gegrölt habe. Mein Sohn hat’s übrigens genau so, das ist wunderbar, der kommt aus dem Zimmer raus und dann kommt auch schon der erste Spruch. Meine Tochter braucht so sechs bis sieben Stunden, ähnlich wie meine Frau. Also, es ist halt so – und es ist gut, dass der Tag sofort bei mir ist.

Würden Sie sich selbst als „natürlich“ bezeichnen oder ist an ein bisschen an diesem Oliver Mommsen auch gemacht?

Gute Frage. Alles gehört so stark zu mir, dass ich sagen würde: ‚Ja, es ist natürlich!‘ Und grundsätzlich muss ich mir nicht immer einreden: It’s showtime! Manchmal benutze ich es natürlich auch, um Sachen aus dem Weg zu gehen, die unangenehm sind.

Würden Sie sich als Menschenfreund bezeichnen?

Total! Natürlich habe auch ich manchmal Angst, verkrieche mich und habe auch ab und an einen Menschenkater. Zum Beispiel nach vielen Vorstellungen im Theater. Und dann kann es passieren, dass zuhause das Telefon klingelt, ich nicht rangehe und meine Frau denkt: „Was ist denn los? Jetzt spielt er wohl wieder Künstler.“ Das kann passieren, aber im Grunde genommen liebe ich wirklich die Menschen, bin unheimlich neugierig. Und freue mich auch sehr über abstruse Situationen im Alltag. Der Mensch ist ein unendlicher Schatz.

Sie sagen, Sie gehen auf jeden offen zu, egal ob Mann, Frau oder Alien?

Genau! Und genau deshalb lebe ich in Kreuzberg.

Da trifft man solche?

Mein Sohn musste in der 7. Klasse anfangen, U-Bahn zu fahren und ich habe ihn ein paar Tage eingelernt. Nach der ersten Woche kam er zurück und hat gestrahlt: „Papi, ist das geil hier, nur Freaks.“ Und da habe ich gemerkt: Yes, der hat den gleichen Blick. Das alles ist ein Abenteuer.

Ich liebe es auch, wenn man Leute falsch einschätzt und denkt, was ist denn das für ein abgerissener Haken? Vor kurzem auf einer Beerdigung habe ich jemand komplett falsch eingeschätzt, ich dachte, der kommt nicht bis „Drei“. Und ich habe den auch ganz nett und fürsorglich behandelt, bis ich gemerkt habe, das war der Chef von einem riesigen Millionen-Unternehmen. Ich liebe es, wenn man mit seinen Vorstellungen vor die Wand fährt. Menschen überraschen einen eben.

Mögen Sie es denn auch, Menschen zu überraschen?

Klar! Deswegen greife ich ja auch gerne frontal an. Aber unterschätzt zu werden ist auch ‘ne schöne Position. Den Ball flach halten und dann überraschen.

Ihre Karriere ist vom Außenstehenden fast als klassisch zu bezeichnen: Klassenclown, immer vorne dran, wirken zu wollen, um auch bei den Mädels einen Schlag zu haben . . .

Auf jeden Fall! Mein erster Wunsch war: Ab nach Hollywood, Michelle Pfeiffer knutschen. Das war die Linie. Bis du dann irgendwann sagst: Okay, ich mache auch Serien. Das lernst du nach drei Jahren Schauspielschule. Da kommst du mit großen Träumen, lernst dann die Realität kennen und bist am Ende froh, wenn Du irgendwo in einer Arztserie die Tür aufmachen darfst.

Prima Überleitung – Arzt war ja mal ihr Ding.

Eigentlich kann ich am offenen Herzen operieren. Ich war aber auch schon Benjamin, Deutschlands erste männliche Sprechstundenhilfe, war ein Arzt im Praktikum, der keine Menschen anfassen konnte und Pathologe wurde. Und dann durfte ich an der Seite von Sigmar Solbach einen Neurochirurgen spielen, Spezialgebiet: Minimalinvasiv. Übrigens: Mein erster Satz bei Dr. Frank – zwischen Schenkeln einer fremden Kollegin – war: „Na, die Nachgeburt ist auch schon da!“

Von Ihnen kenne ich den Satz: Am Ende ist der Narr immer alleine! Wenn man immer so gut drauf ist wie Sie, hat man dann die Angst vor diesem Alleinsein?

Nee, ich brauche sogar das Alleinsein. Das habe ich sehr früh schon gemerkt. Das fing an, als ich in Louisenlund nach dem Internats-Unterricht im schwarzen Rollkragenpullover an der Schlei längsmarschiert bin und dachte, ich müsste Sartre und Camus verstehen. Ich habe aber nichts verstanden. Das hat sich zwar beruhigt, aber ich brauche auch nach wie vor ganz viel „alleine“. Ich muss fliehen können.

Können oder müssen Sie sich selbst motivieren oder brauchen Sie sich nur in eine Ecke zu setzen und zu warten, dass es wieder losgeht?

Ich habe inzwischen gelernt, dass es Tage gibt, die einfach so sind. Da brauchst Du auch gar nicht erst anzufangen, etwas zu tun. Ich versuche also folglich gar nicht erst, auf Biegen und Brechen eine bestimmte Stimmung zu erreichen.

Mommsen – der ewige Sonnyboy. Arbeiten Sie daran, jung zu bleiben?

Ich arbeite daran, im Kopf schnell zu bleiben. Und wach und neugierig. Ich versuche Dinge zu tun, die ich so noch nicht gemacht habe. Sudoku oder so etwas ist angeblich gar nicht so gut gegen Demenz, sondern neue Dinge und Abläufe zu verknüpfen, die das Gehirn so nicht kennt. Skateboard zum Beispiel. Oder auch Handlungen im Film oder auf der Bühne mit Text verknüpfen. Da ist mein Beruf natürlich ein Traum. Und genau das mache ich, bis die Lampe ausgeht.

Nach Ihrer Vorstellung im Iserlohner Parktheater sind so viele Damen wie nie geblieben, um ein Foto mit Ihnen zu schießen. Das hatte was vom Rockstar? Und das mit 46?

Ist das so? Das hat aber auch wieder mit dem Beruf zu tun. Eigentlich ist er ja alterslos. Ich spiele eben jetzt andere Rollen, nicht mehr den Sohn sondern eben den Vater.

Aber noch mal: Arbeiten Sie nicht doch hart an Ihrer Jugend? Zu Beispiel die Frisur: Ist die so, weil man das heute so hat?

Die habe ich seit hundert Jahren so.

Also ein Gendefekt.

(lacht) Ich habe hier vorn zwei Wirbel, die gegeneinander arbeiten und hier drüben auch, da kann man nichts machen. Die Maskenbildner bekommen regelmäßig Anfälle. Dann verpassen sie mir manchmal einen Seitenscheitel und dann ruft meine Mutter an: „Du bist doch kein Playmobil-Männchen, wehr Dich!“ Aber noch mal zur Frage: Ich arbeite da wirklich nicht dran. Bei meiner Mutter ist es ähnlich, sie wird einfach nicht älter. Und ich bin mit meinen Kindern zusammen. Ich erfahre so viel, lasse die Informationen auch zu, das hält jung. Angst habe ich nur davor, dass der Körper irgendwann nicht mehr richtig mitmacht.

Was die Frisur auch nicht vermuten lässt: Sie sind furchtbar ordnungsliebend.

Ja, ja, die Ordnung. Also eine Tournee ist für mich in der Tat eine Herausforderung. Wo kommt was hin? Was nehme ich mit? Was muss ich unbedingt dabei haben? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es in meinem Kopf ganz schön rund geht, da brauche ich eben optisch das Geordnete. Allerdings bin ich kein Zwangsneurotiker, obwohl ich die Marmeladengläser im Kühlschrank auch mal alle so drehe, dass ich lesen kann, was drin ist. Und wenn mich dabei keiner erwischt, ist es doch in Ordnung.

Also es gibt in Ihrer Wohnung eine verkehrsberuhigte Zone, für die Sie zuständig sind, und den Rest darf die Familie verwüsten.

Na ja, allerdings haben die, glaube ich, inzwischen auch bemerkt, dass der Typ, der da hin und wieder vorbeikommt, es gern ein bisschen aufgeräumt braucht. Eine Struktur tut mir eben gut.

Stichwort „freischaffender Künstler“ – Sie sind ja in der vermutlich recht komfortablen Situation, beim Bremer „Tatort“ in ungekündigter Position zu sein, haben wahrscheinlich auch schöne andere Angebote. Auf der anderen Seite sind sie verantwortungsvoller Familienvater, müssen auch sehen, dass der Laden läuft. Gibt es so etwas wie Zukunftsangst?

Schweißausbrüche! Eigentlich traue ich ja dem Braten nie und denke immer, hinter der Ecke sitzt das Böse. Aber da arbeite ich wirklich seit Jahren dran. Und wenn ich ehrlich bin, geht’s mir blendend. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich sagen: ‚Bitte nicht aufwecken, lasst es bitte so!‘ Natürlich gibt es immer dieses Aufwachen mit den „Was-ist-wenn?-Fragen“, aber dann sage ich immer: „Hey, lass uns erst einmal diesen Tag leben und dann sehen wir weiter.“ Und noch etwas: Wenn etwas wirklich Großes passiert, also Krieg zum Beispiel, dann passiert es ja auch nicht nur mir, dann passiert es uns gemeinsam und dann reagieren wir auch gemeinsam.

Ich weiß nicht warum, aber ich habe gerade von Ihnen folgendes Bild im Kopf: Eine große Kirche, die ersten zehn Reihen sind besetzt, danach kommen acht leere Reihen – und dann sitzen Sie da. Ganz allein, Mütze tief in der Stirn.

Ein wirklich schönes Bild. Ich war zwar lange nicht mehr in der Kirche, aber immer wenn ich in Köln arbeite, bin ich auch im Dom. Ein Ort, um sich zu sammeln, wo der Mensch versucht, mit dem Himmel Kontakt aufzunehmen.

Also katholisch?

Ja, klar, als Schauspieler bist Du katholisch, das ist doch die deutlich bessere Show.

Bisschen schwer jetzt die Kurve zu kriegen zur Frage, was man, wenn man sich ernst nimmt, spielen soll und was nicht, was Schauspieler dürfen und was nicht? Auch vor dem Hintergrund der Terror-Ereignisse von Paris. Sie waren vor ein paar Monaten im „Tatort“ einem kriminell-umtriebigen Familien-Clan mit Migrationshintergrund auf der Spur, der die Justiz offenbar regelrecht vorführen wollte. Haben Sie aus persönlichen Gründen zunächst mit einer Spiel-Zusage gezögert?

Für einen Moment bei dem Buch tatsächlich. Aber dann habe ich gesagt: Nein, jetzt erst recht, das musst Du spielen. Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Kunst darf alles. Künstler dürfen das. Es ist die Aufgabe von Kunst und auch von Unterhaltung, auf eine eigene Art mit solchen Themen umzugehen.

Danke für das Gespräch, Herr Mommsen. Es hat großen Spaß gemacht.

Das sagen Regisseure auch immer: Danke, das war ganz toll. Wir machen noch eine!