Das Bruttoinlandsprodukt - und was es über Wohlstand aussagt
09.12.2012 | 16:25 Uhr 2012-12-09T16:25:52+0100
Brüssel. In der Krise hoffen die Europäer auf Wachstum als Heilmittel. Damit meinen sie einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Doch wer das „BIP“ misst, misst nicht automatisch den Wohlstand eines Staats.
Wenn Autobauer mehr Fahrzeuge herstellen und Molkereien mehr Käse, steigt unsere Wirtschaftskraft. Die Wirtschaft wächst nach gängigem Verständnis aber auch, wenn ein Unternehmen gegen Bezahlung einen verschmutzten Fluss reinigt oder andere Umweltschäden repariert. Daher regt sich Kritik an der Art und Weise, wie die Wirtschaftskraft eines Landes ermittelt wird. Die derzeit wichtigste Messlatte für die Wirtschaftskraft ist das „Bruttoinlandsprodukt“, abgekürzt „BIP“. Als das Maß aller Dinge gilt es aber nicht mehr. Das gibt selbst Europas oberster „Herr des BIP“ zu.
„Die Messung des Bruttoinlandsprodukts darf nicht verwechselt werden mit der Messung des Wohlstands“, sagt der Chef des EU-Statistikamts Eurostat, Walter Radermacher. Er muss es wissen. Der gebürtige Aachener beschäftigt sich seit etwa 25 Jahren auf diversen Posten mit der Berechnung der Wirtschaftskraft.
Radermacher nennt das BIP die „Buchhaltung eines Staates für eine Periode“: „Die Statistiker ermitteln, wie viel hergestellt wurde, wie oft eine Ware den Besitzer wechselte und wie viele Waren und Dienstleistungen verkauft wurden.“ Wozu das gut ist, erklärt Professor Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. „Die Staatsfinanzen hängen davon ab, wie sich das BIP entwickelt“, sagt der Chef der Abteilung „Wachstum und Konjunktur“ . „Denn nur auf Leistungen, die bezahlt werden, kann man Steuern erheben.“ Je weniger Bürger und Unternehmen erwirtschaften, desto weniger Steuern zahlen sie. Und desto weniger Leistungen kann ein Staat Bürgern bieten – zum Beispiel im Gesundheits- oder Schulwesen und im Straßenbau.
-
Seite 1: Das Bruttoinlandsprodukt - und was es über Wohlstand aussagt -
Seite 2: Das BIP bildet nur die Marktsituation ab -
Seite 3: "Club of Rome" fordert nachhaltiges Wirtschaften
|
|
1 | 2 | 3 |

17:51
Soziale und ökologische Wohlstandsindikatoren gibt es wie Sand am Meer, vom Waldschadensbericht über die Akademikerquote und Arztdichte bis hin zur PISA-Studie. Die Frage ist immer, wie aussagefähig diese Indikatoren sind. Viele davon dürften wesentlich kritikanfälliger sein als das BIP, zumal sie so konstruiert werden können, dass ein gewünschtes Ergebnis herauskommt.
Beim "Bruttonationalglück" Bhutans handelt es sich um den Versuch einer staatlichen Zwangsbeglückung, der wohl nur "funktioniert", weil die (kleine) bhutanische Gesellschaft tiefreligiös, obrigkeitshörig, anspruchslos und vom Rest der Welt weitestgehend isoliert ist. Das dürfte kein brauchbares Modell für andere Länder sein.
Richtig ist, dass das relative BIP-Wachstum in den entwickelten Industrienationen schon seit Jahrzehnten immer mehr abnimmt. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, dürfte es in wenigen Jahrzehnten kaum noch zuverlässig messbar sein.