Das aktuelle Wetter Unser Vest 13°C
Schiedsmänner

Die Streitschlichter

01.06.2012 | 06:00 Uhr
Die Streitschlichter
Als Schiedsmänner für Recklinghausen-Süd bzw. Grullbad zuständig: Paul Müller (l.) und Rolf Salomon.

Recklinghausen. „Manches Mal haben wir sicher Schlimmeres verhindert“, überlegt Paul Müller vielsagend. Der 68-Jährige ist Schiedsmann in Recklinghausen-Süd. Schiedsleute arbeiten ehrenamtlich, werden vom Stadtrat gewählt, müssen mindestens viermal im Jahr zu einer Schulung oder Fortbildung und erstellen im negativen Fall eine Erfolglosigkeitsbescheinigung, mit welcher der Bürger erst zum Amtsgericht kann. Aber oft können schon die Streitschlichter ihres Amtes walten und beide Parteien unterzeichnen einen Vergleich. „Der ist dann rechtlich bindend – genau wie ein Gerichtsurteil“, erklärt Müller.

„An meinen ersten Fall werde ich mich bis zum Lebensende erinnern“, sagt er noch heute. 1981 hatte sich eine Über-80-Jährige bei ihm gemeldet, weil ihre Bekannte einen silbernen Löffel gestohlen haben sollte. „Die bestritt das vehement, aber ich appellierte an ihr Gewissen, ob sie wegen eines silbernen Löffels wirklich eine über 40-jährige Freundschaft aufs Spiel setzen wolle und fragte, ob sie das Besteck nicht vielleicht aus Versehen mitgenommen haben könnte“, so Müller. Von wegen, platzte es aus der Seniorin heraus: Nein, absichtlich habe sie den Löffel eingesteckt, „die hat immer mehr gehabt als ich, und sie braucht das ganze Zeug nicht mehr.“ Darauf hätten sich die zwei Damen umarmt und alles sei gut gewesen.

So ein Erfolg motiviere. Die Arbeit werde anerkannt, „vor wenigen Jahren bekam ich das Bundesverdienstkreuz“. Um Baumschnitt oder Schmerzensgeld gehe es meist, „wenn etwa die Hecke über die Grundstücksgrenze ragt und der eine mit der Hacke einen übergezogen bekommt“, sagt Rolf Salomon, Schiedsmann für Grullbad. „Einer hat dem Nachbarn auch mal mit dem Hammer einen Finger gebrochen, als der ihn fragte, ob er so laut und lang mit der Flex arbeiten müsse“, erklärt Salomon, dass es nicht immer nur um Nickligkeiten geht. „Es gibt sogar Stammkunden“, ergänzt Müller.

Manchmal gebe es drei oder vier Verhandlungen am Tag, dann wochenlang keine. Fünf Stunden brauche es pro Fall – mindestens. Im Winter passiere deutlich weniger. „Zum Krach kommt es im Frühjahr, wenn die Menschen wieder raus und in den Garten gehen.“

„Sogar Kinderlärm wurde schon beanstandet“, wundert sich Müller. „Aber Kinder dürfen Krach machen, da können Nachbarn gar nix machen.“ Wenn einer aber seine Box laut aufdrehe, „lasse ich mir das auch mal vorspielen und schaue in der Nebenwohnung, ob wirklich die Teller im Schrank wackeln.“ Lärm empfinde ja jeder anders. Immer mehr Bürger kämen aber gleich mit anwaltlicher Hilfe. Wenn einer auf Krawall gebürstet ist, haben auch die Streitschlichter keine Chance. „Ich habe da ein Gespür und merke nach zehn Minuten, ob eine Einigkeit zu erzielen ist oder nicht“, ist Müller überzeugt.

Beide Parteien werden zur Verhandlung vorgeladen, manchmal „klingen unsere Ratschläge dann lapidar, aber es kommt an“. Geduldig müsse man sein, sich selbst zurücknehmen. „Wenn die Leute rausgehen, soll keiner denken, er wurde übers Ohr gehauen.“

Salomons schrillstes Erlebnis: Ein junger Mann hatte sich auf einer Fete in eine Frau verliebt, die in einer festen Beziehung lebte. Er stalkte sie und zerkratzte einmal eine ganze Reihe BMWs, weil er darunter den Wagen des jungen Paars vermutete. „Zwei Jahre später kam ein Pärchen mit einer Frau, die im Kreishaus arbeitete: In der Bußgeldstelle habe sich ein Mann in sie verliebt und belästigte sie nun – es war derselbe!“

Rund 30 Schiedsmänner und -frauen gibt es im Kreis. Sie trafen sich jetzt im Rathaus der Festspielstadt zur Jahreshauptversammlung ihrer Bezirksvereinigung. 250 Fälle / Jahr werden verhandelt, so Geschäftsführer Michael Scholz. Die Erfolgsquote sei sehr verschieden, „auf dem Land, wo sich noch alle kennen, meist 100 Prozent, in der Stadt etwa 60 Prozent“. Die Schlichtung beruhe darauf, dass ein Wille zum Kompromiss bestehe.

Oliver Mengedoht



Kommentare
Aus dem Ressort
15 Zweitklässler bei Vollbremsung eines Schulbusses verletzt
Unfall
Ein mit über 50 Zweitklässlern besetzter Schulbus musste am Donnerstagmorgen in Recklinghausen so stark bremsen, dass 14 Schüler und eine Lehrerin verletzt wurden. Ein weiterer Schüler kam vorsorglich ins Krankenhaus. Der Bus war dem Auto eines 87-Jährigen aus Oer-Erkenschwick ausgewichen.
Anwohner des Straßenstrichs in Gelsenkirchen sind enttäuscht
Prostitution
Im Gelsenkirchener Eichkamp befürchten die Menschen, dass der zeitlich begrenzte Sperrbezirk zur Dauerlösung werden könnte. Damit falle das einzige Argument weg, das die Bezirksregierung Münster akzeptiert – die Gefährdung des Kindeswohles. In Herten formiert sich der Bürgerprotest via Facebook.
Bilanz der Polizei - bisher drei tödlich verunglückte Biker
Verkehr
Haltern am See - für viele Motorradfahrer aus dem Kreis Recklinghausen ein beliebtes Gebiet für Ausflugsfahrten. Mit Strecken, auf denen man auch mal so richtig aufdrehen kann. Die Polizei hat deshalb dort Donnerstag Geschwindigkeitsmessungen durchgeführt. Spitze war ein Biker mit fast 130 km/h.
Eltern-Haltestellen sollen Park-Chaos vor Schulen beenden
Schulen
Sie meinen es wahrscheinlich nur gut: Viele Eltern kutschieren ihren Nachwuchs im Auto bis direkt vors Schultor. So lernen ihre Kinder aber nicht, sich sicher im Verkehr zu bewegen. Außerdem werden andere gefährdet. Schulen und Regierung setzen jetzt auf "Eltern-Haltestellen" im Umfeld der Schule.
Liebes-Ballons: ein Fall für die Polizei
Luftpost
Post aus Bielefeld für die in Westerholt frisch vermählten Dennis und Janine Dembowski: Dort hatte die Ballon-Botschaft des Paares einen Polizeieinsatz ausgelöst, weil Ballonknäuel Autofahrer iritierten. Die Beamten auf der Wache beschlossen, ein Foto von den Luftballons mit Polizeiwagen zu machen.
Fotos und Videos
Haltern aus der Luft
Bildgalerie
von oben
Sprengung des Förderturms Herten
Bildgalerie
Sprengung
Die Wildpferde sind los
Video
Naturspektakel
Installationen von Young-Jae Lee
Bildgalerie
Schiffshebewerk