Zeilen von Liebe und Verrat
29.01.2010 | 19:17 Uhr 2010-01-29T19:17:00+0100
Autobiografischer Roman einer mittlerweile verstorbenen Sterkraderin ist jetzt im Handel erhältlich – anrührende und bewegende Zeilen über Liebe und Verrat, Trauer und Hoffnung, Leben und Tod.
Ein unscheinbares Poesiealbum mit drei Tagebucheinträgen und zwei Blöcke, engzeilig mit schwarzer Tinte beschrieben. Man sieht dem leicht vergilbten Papier an, wieviel Mühe sich die junge Frau aus Sterkrade gemacht hat, als sie 1945 ihre Erinnerungen an den Krieg aufgeschrieben hat – anrührende und bewegende Zeilen über Liebe und Verrat, Trauer und Hoffnung, Leben und Tod.
Jahrelang lag der Nachlass von Agnes Nußbaum im Keller ihrer Cousine Helgard Kliebisch. Doch dann stieß die 80-Jährige in der Kirchenzeitung auf eine schicksalhafte Anzeige. „Ich schreibe Ihre Biografie”, hatte Claudia Cremer inseriert. Kurzerhand rief Kliebisch die Biografin an, bat sie den Text zu lesen und zu entscheiden, ob sich die Geschichte ihrer Cousine als Buch eignen könnte. Im Dezember sind die Erinnerungen der Oberhausenerin unter dem Titel „Glaube fest an ein Wiedersehen” erschienen.
In Russland verschollen
Nachdem ihre Cousine 1991 gestorben war, hatte sich Helgard Kliebisch um die Auflösung der Wohnung gekümmert. Dort fand sie die Blöcke, auf denen ihre Cousine eine Liebesgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg schilderte – ihre eigene. Die Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die einen Soldaten kennenlernt und heiratet. Nach der Hochzeit kehrt der Soldat zurück an die Front und bleibt in Russland verschollen. „Nach dem Krieg musste sie feststellen, dass er sie belogen hat.” Das Meiste, was er ihr über sein Leben vor dem Krieg erzählt hatte, stimmte nicht. „In ihrem Text muss sie das alles verarbeitet haben”, glaubt ihre Cousine. „Für mich ist das Therapie, was sie gemacht hat.” Geschrieben hat Agnes Nußbaum die Geschichte, nachdem sie mit ihrer Mutter in die kleine Wohnung in Sterkrade zurückgekehrt war. „Ich wusste, dass sie viel mitgemacht hat”, sagt Kliebisch. Vom Schreibtalent ihrer Cousine habe sie nichts geahnt. „So etwas kann man doch nicht wegwerfen.” Aus ihrer Familie habe sich kaum jemand für die Hinterlassenschaften interessiert. Doch sie sei sicher gewesen: „Da muss es doch einen geben, der sich drum kümmert”.
Also beschloss sie, die Unterlagen der Biografin zu schenken. „Ich wusste erst gar nicht, was ich damit machen soll”, berichtet Claudia Cremer. Schließlich verfasse sie normalerweise Lebensläufe, doch bei den Aufzeichnungen habe es sich bereits um ein fertiges Manuskript gehandelt. Von den Unterlagen sei sie dann völlig fasziniert gewesen. „Weil Agnes Nußbaum als Schneiderin – und eben nicht als Germanistin – einen autobiographischen Roman geschrieben hat.” Wegen des Talents der Autorin musste Cremer das Manuskript nur ein wenig sprachlich überarbeiten und einzelne inhaltliche Unstimmigkeiten beseitigen.
Den Inhalt selber hat sie nicht geändert – auch nicht das Ende. Auf der letzten Manuskriptseine vermerkte Agnes Nußbaum: „Fortsetzung erst nach Rückkehr des Ehemannes und den weiteren Verlauf abwartend”. Eine Fortsetzung hat es nie gegeben.

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