Heiß ersehnter Bohnenkaffee vom Nierentisch
13.03.2009 | 22:38 Uhr 2009-03-13T22:38:00+0100Die Ausstellung „Darf's etwas mehr sein?” im Moerser Schloss erzählt aus der Wirtschaftswunderzeit.
Auf den Straßen sterben die Tante-Emma-Läden aus – in den Kinderzimmern leben sie weiter. Das ist eine Erkenntnis, die die Ausstellung „Darf's ein bisschen mehr sein” im Grafschafter Museum vermittelt. Hat doch in eines der jüngsten Ausstellungsstücke zwar die Scanner-Kasse Einzug gehalten, aber der Supermarkt mit Selbstbedienung ist doch ein langweiliges Spiel.
Im Mittelpunkt der Ausstellung, die Kinder und Erwachsene begeistern dürfte, stehen Spielzeugkaufläden der Wirtschaftswunderzeit. „Alle reden von der Wirtschaftskrise, wir reden vom Wirtschaftswunder”, sagt Museumsleiterin Diana Finkele. Die Läden spiegeln nicht nur das Verlangen nach Wohlstand wider, das nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit herrschte. Sie zeigen auch das Bemühen, sich vom Alten zu lösen und mit einem luftigen, farbigen Design etwas Neues zu schaffen. Der später belächelte Nierentisch steht beispielhaft and für das Aufbrechen starrer Formen.
Zwei Tischkaufläden – so klein, dass sie auch in den engen Räumen der von Wohnungsnot geprägten 50-er Jahre Platz fanden – hat das Museum „lebensgroß” nachgebaut. Spielen erlaubt: Vorder- und Rückseite der „Waren” in den Regalen zeigen, wie sich das Produktdesign verändert hat. Belieferten doch Firmen wie Dr. Oetker und Henkel die Kaufladen-Hersteller oft gratis mit Mini-Packungen, um den Kindern ihre Marken einzutrichtern. Neudeutsch heißt das Product Placement. Besonders aufmerksam agierte Henkel: Jede Änderung der Original-Persil-Packung wurde im Miniaturformat nachvollzogen.
Die Kaufläden stammen aus der Sammlung des Rheinbergers Jörg Bohn, der eine Vorliebe für die 50-er Jahre und inzwischen eine umfangreiche Spielzeugsammlung zusammen getragen hat. Meist hat er seine Stücke von den Besitzerinnen, die die Läden noch selbst bestückt und „bespielt” haben. „Ich zeige sie größtenteils unverfälscht.” Zwei Tage lang hat er für den Aufbau im Museum verbracht. Exponate, für die kein Platz mehr war, können von Moerser Einzelhändlern ausgeliehen werden, so Diana Finkele.
Die Kaufläden machen anschaulich, wie sich – beginnend bei der Währungsreform 1948 – die Regale langsam füllen; so tritt an die Stelle von Ersatz- der lang entbehrte Bohnenkaffee, gibt es parfümierte Seifen und Schokolade. Südfrüchte und Sekt erzählen von zunehmendem Wohlstand. Ein Laden im Italien-Desing steht für die wachsende Reiselust. Sehr hübsch sind auch das „Süßmäulchen”-Geschäft oder der Laden mit tütenförmigen Lampen und ersten Fernsehgeräten.
Neben Führungen, Bastelaktionen für Kindergärten und Schulklassen sowie „Kindergeburtstagen mit Tante Emma” bietet das Museum unter anderem an einen Tanztee mit Bowle und Häppchen (5. April) und eine Moden- und Oldtimerschow „Petticoat & Gogomobil” (17. Mai, 11 bis 18 Uhr); dafür werden noch Teilnehmer gesucht. Info: 02841/201 734. Die Ausstellung bleibt bis 1. Juni.
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