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Altneuatlantis ist alles

15.01.2010 | 17:19 Uhr

Moers. „Menschen und Götter sind Spielzeuge der Kunst”, steht in großen Lettern auf eine Tafel geschrieben. Und das ist so ziemlich das einzige, was von Anfang bis fast zum Schluss der Aufführung von „Altneuatlantis” stehen bleibt.

Am Ende liegt ein Stilleben aus umgeworfenen Stühlen und zerborstenen Bausteinen, besudelter Folie, Sand und Erde am Boden. Das Ergebnis eines sehr heftigen Spiels mit Menschen und Göttern.

Kainkollektiv – das Regietrio Alexander Kerlin, Fabian Lettow und Mirjam Schmuck – verlangt viel, wenn nicht alles mit dieser Inszenierung, die am Donnerstag Premiere in der Theaterhalle am Solimare hatte. Nicht zuletzt von den Schauspielern, die zwischen leisen Tönen und polterndem Monolog, zwischen fast klamaukiger Komödie und edler Tragödie, zwischen mehrstimmigem Kirchenchoral und Rockmusik, zwischen Sprechen im Chor und sich gegenseitig übertönen, zwischen Ausdruckstanz und nervösen Zuckungen die gesamte Palette abliefern. Die Bühne wird in der kompletten Breite und Tiefe bespielt. Links Klavier, rechts Schlagzeug, hinten die musikalische Elektronikabteilung neben einer Mauer, die ein Aquarium umschließt. Selbst die Wand gehört zur Bühne und wird betanzt. Und als hätte das nicht gereicht, beamt der Videokünstler Nils Voges Muster, Bilder oder Schattenspiele mit Wanzen und Regenwürmern an die Wand. Ganz vorn rechts steht noch ein Fernseher, in dem die Zuschauer ihn beobachten können, wie er mit seziererischer Genauigkeit seine Bilder live entwirft.

Von der Antike bis zur Zukunft

Da hat der Moerser Dramturg Fabian Lettow wahrlich nicht übertrieben, als er ankündigte, es gebe viel zu sehen und zu entdecken in „Altneuatlantis”. Zuweilen zuviel, um dem Stück, das sich sehr temporeich entwickelt, zu folgen. Wer sich ein Sekündchen auf seine Decke, die für gut eineinhalb Stunden in der eisigen Theaterhalle nötig ist, konzentriert, hat womöglich wieder was verpasst.

Denn „Altneuatlantis” beschäftigt sich nicht nur mit dem Mythos des Inselstaats, mit der Utopie der idealen Gemeinschaft, sondern ist ein Gesamtkunstwerk, das die weltliche und wissenschaftliche Rezeption des Platonstoffs von der Antike über Nazi-Deutschland bis zu Beuys und Science Fiction einbezieht und darüber hinaus gehen will. Ein großes Unterfangen, das sich zwangsläufig auf Andeutungen beschränkt. Der Zuschauer muss sich beeilen, wenn er bei dieser ambitionierten und opulenten Reise in die Geschichte bis zur Zukunft nicht abgehängt werden will.

Das Publikum hat großartiges Schauspiel gesehen und stellt am Ende fest, die Utopie bleibt eine Utopie, solange der Faktor Mensch mitspielt, egal, ob Atlantis nun untergegangen ist oder niemals existiert hat. Freundlicher Beifall.

Weitere Termine: 16. Januar, 19.30 Uhr, 17. Januar 18 Uhr

Karen Kliem

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