Mängel ohne Ende
14.11.2008 | 00:08 Uhr 2008-11-14T00:08:00+0100
Türen, die beim Schließen nicht einschnappen. Einstiegsluken für Sondereinsatzkommandos (SEK), die mit nicht lösbaren Gittern versehen sind. Mängel, die es bei einem forensischen Neubau einfach nicht geben darf. Es gibt sie aber: Im Erweiterungskomplex der Rheinischen Kliniken.
BEDBURG-HAU. Türen, die beim Schließen nicht einschnappen. Einstiegsluken für Sondereinsatzkommandos (SEK), die mit nicht lösbaren Gittern versehen sind. Mängel, die es bei einem forensischen Neubau einfach nicht geben darf. Es gibt sie aber: Im Erweiterungskomplex der Rheinischen Kliniken. Nicht die einzigen Mängel: Ovale Griffe, die für Männerhände viel zu klein und scharfkantig sind. Verletzung ebensowenig ausgeschlossen wie auf dem harten Fußball-Schotterplatz. Ein Rundgang durch den Forensik-Neubau der Rheinischen Kliniken löst ein einziges Kopfschütteln aus.
Der Leitende Forensikarzt Dr. Jack Kreutz hält sich mit Kommentaren dezent zurück. Seine Blicke sprechen Bände. Auch dann, wenn sie sich auf die Spione an den Türen heften: Die befinden sich auf 1,40 Meter Höhe – Ärzte und Pflegekräfte müssen sich bücken. Umgekehrt sind die Spione in den wenigen behindertergerechten Räume höher angebracht... „Din-Norm”, erklärt Jack Kreutz knapp. Im Klartext: Sie bleiben, wo sie sind.
Mit Festakt und Minister Laumann wurde der Neubau nach fünf Jahren Bauzeit am 16. Juni gefeiert. Danach sollte der Testbetrieb anlaufen. Lief er aber nicht. Denn bei der obligatorischen Bauabnahme wurden sie peu a´ peu sichtbar: die Mängel. Von Kleinigkeiten – wie Farbe an den Türen, die mit dem Fingernagel abgekratzt werden kann – bis hin zu einem fensterlosen Kabuff, in dem Reha- und Sportgeräte für die Patienten stehen sollen, gibt es etliches zu reparieren. Abarbeiten der Mängelliste nennt sich das – freundlich ausgedrückt.
Die Arbeiten in Bedburg-Hau seien abhängig von den einzelnen Gewerken ausgeschrieben und nicht an einen Generalunternehmen vergeben worden, verdeutlicht Uwe Dönisch-Seidel, Maßregelvollzugsbeamter des Landes. Etliche Arbeiten seien nicht pünktlich oder nicht ordentlich ausgeführt worden: „Wir haben uns von einigen Firmen trennen müssen”, verdeutlicht er die missliche Situation.
Interne Konsequenz: Ärzte und Pflegekräfte geraten den Patienten gegenüber in Erklärungsnot. Seit Monaten warten die psychisch kranken Männer darauf, dass sie die wegen der räumlichen Enge und des baulichen Zustands menschenunwürdigen Räume im Haus 29 endlich verlassen können. Sie werden warten müssen.
Insgesamt 114 Patienten aus den Häusern 25 und 29 werden in den Neubau umziehen – fast alle in Einzelzimmer. Auf dem fünf Hektar großen Gelände werden ausschließlich männliche Patienten behandelt. Sie alle sind als psychisch kranke Straftäter in die Forensik eingewiesen worden. Wegen Sexualstraftaten, schwerer Körperverletzung, Mord, Totschlag, Brandstiftung, Raubüberfall oder Betrug.
Betrug? „Ja”, verdeutlicht Jack Kreutz: „Dann, wenn schwerste Persönlichkeitsstörungen vorliegen”. Banker beispielsweise, die spielsüchtig oder narzistisch seien.
Diese Patienten hätten mit hoher Intelligenz unterschlagen, Anleger betrogen oder fingierte Bankkonten angelegt – und Schäden in Millionenhöhe versucht. Sie seien damit laut richterlichem Beschluss eine Gefahr für die Allgemeinheit.
Patienten, die in die Forensik eingewiesen werden, kommen zunächst in Haus 1. Dort ist die Aufnahmestation. In dem Gebäude findet sich außerdem der Kriseninterventionsbereich – kurz KIB genannt. 18 Einzelzimmer waren dort geplant. „Qua Weisung wurden drei als Doppelzimmer gebaut, weil das ökonomischer ist”, schildert Jack Kreutz sachlich.
Insgesamt zehn Zimmer sind mit Gittern versehen – wie im Knast. Sieht martialisch aus – und ist in Fachkreisen umstritten.„Ich war in diesem Punkt sehr ambivalent”, räumt Jack Kreutz ein. Die Gitter hätten allerdings ihre Vorteile. Sie ermöglichen den Patienten den Kontakt zu Arzt, Pflegepersonal und Mitpatienten. Sie könnten sich durch die Gitter unterhalten, Schach spielen etc.
Ist die Tür geschlossen, dringe kein Ton nach innen und außen – denn zur Reizabschirmung seien die Türen schalldicht. Statt rund um die Uhr schalldicht eingeschlossen zu sein, würden die meisten Patienten die Gitter vorziehen. Wobei die Patienten entscheiden können, ob und wie lange die Tür geschlossen bleibt.
Die Station für die Krisenpatienten verfügt über Sicherheitsstandards, die denen im Gefängnis gleichen. Tagsüber hat jeder Patient einen Schlüssel zu seinem Zimmer, unerwünschter Zugang von Mitpatienten ist nicht möglich. Ab 22 Uhr gilt Nachteinschluss. Mit allen Konsequenzen. Will heißen: Auf der Station befindet sich nachts nur eine Pflegekraft. Aus Sicherheitsgründen gehen die Türen der Patientenzimmer nachts erst dann auf, wenn mindestens drei Pflegekräfte auf der anderen Seite der Tür stehen. Nachteil der hochgesicherten Zimmer: An den Fesnstern läßt sich lediglich ein extrem schmaler Bereich öffnen. Was im Sommer unweigerlich zu saunaähnlichen Temperaturen führt.
In den übrigen Häusern befinden sich weitere Patienten-, Behandlungs- sowie diverse Therapiezimmer. Angestrebt werde, dass Patienten eine Ausbildung absolvieren können – beispielsweise als Schreiner oder Gärtner, so Kreutz. Für letztere wird ein Garten auf dem rund fünf Hektar großen Gelände angelegt.
Es gibt noch ein weiteres „Problem”: Auf dem Gelände hat sich eine Kaninchenfamilie häuslich eingerichtet. Und die Tiere vermehren sich bekanntlich gern und zahlreich. Sie können das Gelände nicht mehr verlassen – selbst wenn sie wollten. Grund: Die Zäune sind überkletter- und untergrabungssicher. Das hat ein Sondereinsatzkommando (SEK) nach einem Test übrigens dem gesamten Gelände bescheinigt. Allein die Betonwände reichen bis tief in den Boden – zu tief für die Karnickel. Sie sollen nun in die Freiheit entlassen werden – irgendwie.
10:08
Wer denkt denn an das Personal, so wie es oben geschildert wurde, läuft es auf keinen Fall, das Personal ist völlig unterbesetzt, nachts z.B. nur eine Pflegekraft. Tagsüber laufen die Patienten frei rum. Ich finde, das ist für das Personal lebensgefährlich. Das sind schließlich Mörder, Totschläger, Vergewaltiger usw. Jeder, der dem Gefängnis entkommen will, brauch doch nur zu sagen, er wäre vom Teufel verfogt und schon landet er dort und wird gehegt und gepflegt. Es sind viel strengere Auflagen nötig!
07:04
Nein! Opferschutz gibt es hier im Lande nicht. Warum auch? Der deutsche Michel ist mit allem zufrieden.
06:38
Oh, sie werden warten müssen, diese armen Mörder, Totschläger und Bankräuber. Wie schlimm für sie, wo sind die Verantwortlichen. Lächerlich, diesen Subjekten geht es viel zu gut. Wegschließen in das letzte dunkle Loch und dann nie wieder rauslassen. Denkt mal einer an die Opfer ???