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Familie

Das Beste mitgeben

07.04.2010 | 16:06 Uhr

Uedem. Heike Reck-Lohmann und ihr Mann Georg sind ein gutes Team: Er ist derjenige, der ab und zu mal Klartext redet, auf den sprichwörtlichen Tisch haut und sie ist diejenige, die auch mal alle Neune gerade sein lässt.

Als die beiden sich 2001 kennen und lieben gelernt haben, hatte sie schon ein Kind in Pflege. Heute versorgen die beiden drei Jungs im Alter von 15 bis 17 Jahren.

Zusammen hat das Ehepaar Reck-Lohmann sieben Kinder, jeweils zwei aus vorangegangenen Ehen und drei Jungs zur Pflege. Damit gehört die Familie zu den 235 Familien im Kreis, die Pflegekinder betreuen, die das Jugendamt zumeist aus ihrem Elternhaus nehmen musste, weil die Situation ihr Wohl gefährdet hat.

Heike Reck-Lohmann sitzt an ihrem Esstisch. Das Zimmer ist voller Nippes – Kerzenhalter, silberne Döschen, Karotten aus Stoff. Kein Wunder, die 44-Jährige ist die Besitzerin des Geschäftes Rosarot und verkauft Wohnaccessoires. Ob die Zukunft all ihrer Pflegekinder einmal rosarot wird, weiß sie nicht. „Sie bringen alle ein Päckchen mit. Wir können ihnen nur das Beste mitgeben. Manche machen doch etwas anderes daraus.“ Mit den Pflegekindern hat sich auch bei ihnen etwas entwickelt. „Bei meinem ersten Pflegekind bin ich da so mehr oder weniger reingeschlittert. Heute sehe ich die Dinge klarer.“

Kein schlechtes Gewissen haben

Klarer, das heißt für die Pflegemutter, kein schlechtes Gewissen zu haben, weil es den Kindern ihrer Vergangenheit wegen nicht so gut geht. „Konflikte werden gelöst, auch wenn dann mal die Türen knallen.“ Klingt so normal wie banal. „Man muss die Kinder so nehmen,wie sie sind“, sagt Reck-Lohmann.

Kevins Päckchen ist der Verlust seiner Mutter, die vor drei Jahren ziemlich plötzlich an Krebs verstorben ist. Seitdem lebt er im Hause Reck-Lohmann. Nett findet der 15-Jährige das, auch wenn es schon ein paar Mal geknallt hat. „Manchmal muss man den Kindern auch mal die Pistole auf die Brust setzten“, sagt seine Pflegemutter. „Es gibt Dinge, die können die Jungs nicht entscheiden, gerade, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht.“ Als sich Kevin dagegen sperrte, nicht zur Schule gehen wollte und einfach wegblieb, spürte er schnell, dass mit seinen Pflegeeltern in dieser Hinsicht nicht gut Kirschen essen ist. Eine Nacht im Heim in Abstimmung mit dem zuständigen Kreisjugendamt hat ihm schnell klargemacht, was er selbst nicht will. In der Familie hat er seine Freiheiten und eine Struktur. Dinge, die die meisten nicht kennen. Darum geht es meistens, auch im Hause Reck-Lohmann: Ein geregelter Tagesablauf, Schule ,„klare Ansagen“ nennt das seine Pflegemutter.

Unterstützt wird die Familie dabei von der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Das Team betreut etwa 30 Pflegekinder im Kreis. Das heißt, der Wohlfahrtsverband vermittelt zwischen den Parteien, und steht im engen Kontakt mit dem Kreisjugendamt. Begleitende Hilfe bedeutet regelmäßiges Betreuen, Besuche in den Familien, Unterstützung bei alle Fragen. Eltern, die gerne ein Pflegekind aufnehmen möchten, rät Monika Mechlinski, zuständig für den Kinderpflegedienst bei der Awo, „sich genau Gedanken darüber zu machen, was die Kinder mitbringen.“ Grundsätzlich müssen Paare Bedingungen erfüllen, um Pflegekinder aufzunehmen, Kompetenzen in Erziehungsfragen vorweisen, zum Beispiel Geduld, Belastbarkeit oder schlichtweg Zeit mitbringen.

Balance zwischen Zeit und Nähe

Es ist die Balance zwischen Zeit und Nähe, die dem Paar Reck-Lohmann pflegetechnisch geholfen hat. Beide leben ihr eigenes Leben, suchen die Nähe zu ihren Pflegekindern, wenn die danach fragen. Gemeinsame Aktionen sind wichtig: Sonntags um 19 Uhr ist jedes Familienmitglied zuhause. Dann wird gemeinsam Döner gegessen.

13 Jahre - das ist die längste Zeit, die Pflegemutter Reck-Lohmann ein Kind betreut. Im Alter von 15 Jahren kam der Junge zurück zu seiner leiblichen Mutter. Was dann in ihrem Kopf vorgeht? Sicher sei sie traurig, aber: „Dank meiner mittlerweile erwachsenen Kinder habe ich gelernt, loszulassen. Und irgendwie ist es ja auch ein Grund zur Freude, dass wir es wieder einmal geschafft haben.“

235 Familien kümmern sich kreisweit um Kinder, die zuhause nicht mehr leben können oder sollen.  Bei der Auswahl der Pflegeeltern legt das Kreisjugendamt Wert auf gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse. Info: Tel.: 02821/85485.

Stefanie Bersin

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