Der Koran - weltoffen und lebbar
15.05.2008 | 11:57 Uhr 2008-05-15T11:57:38+0200DIALOG. So wie Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor ihn sieht. Ihr Buch soll einen jugendgerechten Einstieg schaffen.
DINSLAKEN. Das erste und zweite Gebot verbietet Götzendienst und die bildliche Darstellung Gottes. Im Koran sowie in der Heiligen Schrift der Christen. Letztere setzen sich trotz Bildersturms im 16. Jahrhundert darüber hinweg; den Muslimen gilt das Verbot noch immer. Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Lehrerin an der Glückauf-Schule in Lohberg, und Co-Autorin Rabeya Müller waren sich des Verbots bewusst, dennoch wagten sie ihr Experiment.
Und nicht nur das, sie zerrupften die Verse des Korans, die dort in scheinbar zusammenhangloser Form aneinandergeschrieben wurden und setzten sie thematisch für ihr Buch zusammen. In arabisch, in deutsch, mit eigenen Kommentaren versehen. Entstanden ist ein wunderbar gestaltetes Werk mit faszinierenden Miniaturen der islamischen Kultur vergangener Jahrhunderte, das Eingang zur Welt des Korans schaffen soll. Und wundersamerweise blieb der Entrüstungssturm der Muslime bislang aus. Ganz im Gegenteil, kritisiert wurden zwar die persischen und osmanischen Zeichnungen, doch inzwischen liegen die Bücher selbst in Moscheen aus. Mit geweißtem Mohamed-Gesicht.
Drohbriefe von Rassisten
"Dafür bekommen wir Schmäh- und Drohbriefe von selbsternannten Islamkritikern und Rassisten", berichtet Lamya Kaddor der christlich-islamischen Dialoggruppe in Lohberg. Immer wieder war es der Islamwissenschaftlerin aufgefallen, dass junge Menschen wie Erwachsene das Wort Gottes (Allahs) nicht wirklich verstanden. Zu schwer fiel das wahre Begreifen über die meist arabische Sprache und selbst die Übersetzungen reichten nicht aus. So kam den beiden Autorinnen die Idee, den Koran in jugendgerechter Sprache zu entwickeln.
Alle 6000 Verse einzubinden, gestaltete sich schwierig; die beiden gläubigen Muslima einigten sich auf 12 Kern-themen, die von Gott erzählten, von der Schöpfung, den Menschen, den einzelnen Propheten, von Mohammed, von Jesus und vorbildlichen Frauen wie Maria und der Königin von Saba. "Wir sind mit einem pädagogischen Ansatz ans Thema gegangen", so Kaddor. Alle relevanten Koranverse wurden zu den jeweiligen Themen gesammelt, die trefflichsten Aussagen entnommen. Überraschend dabei für manche Leser, die vielen Ähnlichkeiten zur christlichen Lehre. Doch "wir hielten uns schlicht an den Koran und haben überlegt, was Jugendliche interessieren könnte." Und Jesus gilt den Muslimen fast so viel wie Mohammed. Auch andere biblische Gestalten fehlen im Koran nicht. Schließlich verstehe sich der als Fortführung des Talmud und der Bibel, so Kaddor.
Den Koran als lebbar, weltoffen, klug und integrationsfreundlich zu vermitteln, war das weitere Anliegen der Autorinnen. So wie sie ihn auch sehen. Und das bietet der Dialoggruppe so manche Überraschung. Denn niemand vermochte sich so recht, Mohammed als frauenfreundlichen Reformer vorzustellen. Doch das Erbrecht für Frauen. das Verbot des Mädchenmordes geht auf ihn zurück. Verschleierung? Zeitgemäß sei dieses heute nicht mehr, stellt Kaddor fest, und vergleicht die Frauendarstellung im Koran mit der im Alten und Neuen Testament. Es sei historisch zu sehen; damals galten unverschleierte Frauen in vielen Gebieten als Art "Freiwild".
Scharia und Dschihad fehlen
Diese Sicht, aber auch das Fehlen von Scharia, Dschihad, den Aufrufen zur Gewalt, trägt dazu bei, das Buch als "Koran light" zu verunglimpfen.Von bestimmten Gruppen. Ein Einwurf, der Kaddor wütend macht. "Ich finde es anmaßend zu sagen, der Koran sei kriegerisch, frauen- und integrationsfeindlich." Man habe sich bewusst gegen die Aufnahme dieser Themen entschieden, um die Zielgruppe Kinder nicht zu überfordern. Denn nur entsprechende Suren in den Raum zu stellen, ohne ihren historischen Hintergrund zu beleuchten, würde zu genau den herrschenden Verfälschungen führen. Eine Erklärung, der man folgen kann oder nicht. Vielleicht in einem zweiten Buch.
Das Buch gibt's im Beck-Verlag bereits in zweiter Auflage (1. Auflage 11 000 Exemplare) und ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich.
11:41
Wo sind denn auf einmal alle jene, die sich sonst immer (versteckt hinter der Annonymität des Internets) die Mäuler darüber zerreissen, was der Islam für eine grausame Religion und der Koran für eine schreckliche Schrift sind?!?
Meinen grossen Respekt möchte ich Frau Kaddor ausprechen. Ich wohne in Dinslaken und habe schon viel von ihr gehört. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall zulegen! Vielen Dank!