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Missbrauchsprozess

Das Grauen hinter der bürgerlichen Fassade

16.01.2012 | 19:00 Uhr
Das Grauen hinter der bürgerlichen Fassade

Lünen/Dortmund.   Was sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft jahrelang abspielte, ist unvorstellbar. Wegen sexuellen Missbrauchs seiner leiblichen Tochter soll das Familienoberhaupt (51) jetzt acht Jahre ins Gefängnis. Das Urteil soll im Februar fallen.

Gepflegte Doppelhaushälfte, Urlaub auf Mallorca, alle drei Kinder besuchten das Gymnasium. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Doch was sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft jahrelang hinter der blank geputzten Fassade abspielte, ist unvorstellbar. Wegen sexuellen Missbrauchs seiner leiblichen Tochter soll das Familienoberhaupt (51) jetzt acht Jahre ins Gefängnis.

Zwar wird das Urteil erst am 6. Februar erwartet, doch bereits am Montag durfte der Mann nicht in seine Lüner Wohnung zurück – am Ende der Verhandlung erging Haftbefehl wegen Fluchtgefahr. Seit Oktober letzten Jahres kam der 51-Jährige stets aus der Freiheit zu seinem Prozess ins Dortmunder Landgericht.

Ein „Spiel“, über das sie nicht reden durfte

„Warum?“, fragte er entgeistert, als zwei Wachtmeister den Saal betraten. Die Antwort hatte ihm zuvor Staatsanwältin Heike Sudhaus-Coenen gegeben...

Gerade einmal fünf Jahre alt war seine Tochter, als der Mann sie nach Überzeugung der Staatsanwältin das erste Mal missbrauchte. Ein Nachmittag, der sich ihr für immer eingebrannt hat, den sie nie vergisst. „Das ist ein Spiel, mit dem du über niemanden reden darfst“, soll der Vater ihr damals eingeschärft haben. Unvergesslich, wie auch die anderen unvorstellbaren Demütigungen. Fünf Verhandlungstage hat sich die 31. Große Strafkammer allein mit der Aussage der heute 26-Jährigen beschäftigt, die sich erst 2010, also 20 Jahre nach der ersten mutmaßlichen Tat, ihrem damaligen Freund und einer Tante anvertraute. Kurz darauf kam es zur Anzeige. Ihre Mutter soll zwei Jahre zuvor zwar tröstende Worte gefunden, jedoch zunächst keine Konsequenzen gezogen haben. Jahrelang hatte die Ehefrau selbst unter Gewalt gelitten, wovon auch eine Schussverletzung an der Hand zeugt. Mittlerweile ist die Ehe geschieden. Bei der Anzeige kam zutage, dass der Angeklagte noch ein anderes Familienmitglied missbraucht haben soll.

Verteidiger fordert Freispruch

Ein hilfsbereiter Nachbar, der stets zur Stelle war, wenn jemand Hilfe bei Handwerksarbeiten brauchte – das ist das eine, von Verteidiger Stefan Bieschke gezeichnete Bild des Mannes, der Anfang der 90er -Jahre mit seiner Familie aus Russland nach Lünen übersiedelte. Der rackerte, um seiner Familie ein gutes Leben zu bieten – so der Verteidiger. Die Anschuldigungen entbehrten jeglicher Grundlage, sein Mandant sei freizusprechen.

Staatsanwältin Heike Sudhaus-Coenen und Rechtsanwältin Christiane Krause-Schumann – sie vertritt die Interessen des Opfers – zeichnen ein völlig anderes Bild: Demnach war die Tochter gerade zehn Jahre alt, als der Vater sie vergewaltigte. 14 Jahre alt, als er ihr ein Messer an den Hals hielt, damit sie still war. Im Jahr 2002 hörten die Übergriffe, so das Opfer, plötzlich auf. Die heute 26-Jährige arbeitet als Sozialtherapeutin, Schwerpunkt: Missbrauchsopfer.

Kathrin Melliwa



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