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"Wir müssen bei Null anfangen"

08.05.2008 | 16:40 Uhr

ESSEN KONTROVERS. Diskussionsrunde von VHS und NRZ zu Altendorfer Moscheeplänen machte manchen Mangel deutlich.

Diskutierten vor und mit dem Publikum bei "Essen kontrovers" (v.l.): Klaus Wermker als Vertreter der Stadt, Oylar Saguner als Architekt und Ditib-Mann, Moderator Thorsten Scharnhorst, Gerd von Oepen als Vertreter der Altendorfer Bürger und Wolfgang Weber für die kommunale Politik. (NRZ-Foto: Müller)

Ohne Baugenehmigung gibt's keine Moschee in Altendorf, und sollte sie in einigen Wochen vielleicht vorliegen, ist Integration damit längst noch nicht vollzogen. Doch das umstrittene geplante Gotteshaus der islamisch-türkischen Ditib-Gemeinde im ehemaligen Böhmer-Schuhlager am S-Bahnhof Frohnhausen ist immerhin "der Anlass über Integration zu reden", meint Klaus Wermker, Leiter des Büros für Stadtentwicklung. Vom professionellen Bemühen darum gibt's zwar genug im Sprengel, doch am tatsächlichen Miteinander herrscht nach wie vor eklatanter Mangel im "Armenhaus", wie ein Besucher der Volkshochschule am Mittwochabend bei "Essen kontrovers" seinen Stadtteil bezeichnet.

Die Diskussionsrunde von VHS und NRZ unter dem Titel "Ärger um ein Gotteshaus", sorgte für eine interessante Debatte und deutliche Schlaglichter auf die neuerdings erlebte Realität: Je mehr es die Muslime, die ihr Geld nicht mehr für eine Türkei-Rückkehr sparen, aus den schäbigen Hinterhöfen der Häuserschluchten herauszieht, um in möglichst repräsentative Kultur- und Gebetszentren investieren zu wollen, desto deutlicher tritt gleichzeitig zutage, dass sich die deutschen und türkischen Nachbarn nicht wirklich kennen, selbst dann nicht, wenn sie seit 30 Jahren sozusagen Tür an Tür gelebt haben. Dann stellt sich die grelle Erkenntnis des Verabsäumten ein, und das verunsichert ungemein, so scheint's.

Warum sonst sollten sie bei Lichte besehen noch immer die "Angst vor dem Unbekannten" haben, wie Wolfgang Weber, SPD-Ortsvereinsvorsitzender und Vize-Vorsitzender des städtischen Integrationsausschusses, das Unbehagen der Bürger in Altendorf umschreibt: "Ein richtiges Miteinander hat es nie gegeben", auf der Straße nicht und auch in den Gremien wie dem Ausländerbeirat nicht, die genau das vormachen sollten.

Natürlich muss nicht jeder Deutsche jeden Türken, Libanesen, Polen, Italiener oder umgekehrt lieb haben, "sondern ich muss nur meine Freunde mögen, sonst habe ich bald keine mehr", sagt Wermker, der zugleich an mehr Toleranz appelliert, denn: "Wir werden noch mehr Fremde bekommen, mit denen wir leben lernen müssen."

Nein, es muss nun wirklich kein Befremden sein, doch es ist nun einmal, wie es ist mit dem Fremden: Türken gehen eben in der Regel nicht zum Schützenfest und nur wenige Deutsche zu einem Tag der offenen Tür, den der Moscheeverein durchaus veranstaltet hat, um über sein 1,3 Millionen-Euro-rojekt zu informieren. "Doch wenn jemand mit uns nicht reden will, können wir nichts tun", sagt Oylar Saguner, Architekt und Ditib-Vertreter, fast resignierend. Das allein als Erkenntnis allerdings genügt Gerd von Oepen, Vorsitzender der Initiative Altendorf, die es übrigens seit acht Jahren und nicht erst seit Bekanntwerden der Moscheepläne gibt, nicht: "Ich erwarte mehr Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit."

Tolerant und leidensfähig

Altendorf sei durchaus tolerant und leidensfähig. "Doch der Bürger möchte dem gesprochenen Wort Glauben schenken können". Dass er genau das nicht mehr tue, sei das ureigenste Verschulden des Moscheevereins, bei dem "immer wieder die Ansprechpartner wechselten" und von dem man "widersprüchliche Aussagen" bekam: "Mal hieß es Moschee mit Minarett, mal ohne, mal mit Kuppel, mal ohne". Da mache sich Enttäuschung breit.

Es kann da nach Rückschritt oder nach Beginn einer künftig anderen Dialog-Kultur klingen, wenn von Oepen als Bürgervertreter fordert, "wir müssen bei Null anfangen", und Mikail Selek vom Ditib-Vorstand vor rund 100 Zuhörern verspricht: "Wir werden bei Null anfangen." Damit ein Minarett für die einen weder zum Mahnmal der Nichtverständigung, noch ein weiter vor sich hin vegetierendes Lagerhaus zum Symbol der Unsicherheit der anderern wird.

Nein, "wir machen ein schönes Haus draus", verspricht Saguner, ein Kultur- und Bildungszentrum mit einem Gebetsraum, mit Lebensmittelmarkt, mit Frauen-, Senioren- und einem Jugendtreff, "in dem alle Bevölkerungsteile zusammenfinden" sollen. Und der Zaun, der das Gelände zur Zeit vor illegal entsorgtem Müll schützen soll, der wird "an drei Seiten abgebaut", kündigt Saguner an, wohl hoffend, dass dann früher oder später auch die gefühlten Ausgrenzungen verschwinden mögen.

JÖRG MAIBAUM



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