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Wie der Umweltschutz im Ruhrgebiet ankam

25.04.2011 | 11:00 Uhr
Wie der Umweltschutz im Ruhrgebiet ankam
"Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden", sagte Willy Brandt 1961 auf einem Kongress der SPD. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Vor 50 Jahren prägte Willy Brandt den Wunsch nach einem blauen Himmel über dem Ruhrgebiet. Umweltschutz wurde damit endgültig zum politischen Thema – mit Erfolg.

Es müssen mitunter düstere Tage gewesen sein, damals im Revier. Tage wie dieser 19. September 1960, ein Montag, als eine dicke Dunst- und Staubwolke über Essen lag. „Inversions-Wetterlage“ würde man heute vielleicht entschuldigend formulieren, jedenfalls herrschte nachmittags um halb fünf „fast völlige Dunkelheit“, wie Zeitzeugen berichten.

Umweltschutz war noch nicht erfunden

Kein Grund sich zu wundern: Umweltschutz war irgendwie noch nicht erfunden, und dass Hunderttausende Tonnen Staub pro Jahr aufs Revier hernieder rieselten, galt als der Normalfall – auch wenn nicht alle sich damit abfinden mochten: Eine Gruppe um die beiden Ärzte Clemens Schmeck und Rolf Roskothen gründete in Dellwig eine Umweltbewegung und scheute sich nicht, das nahgelegene Oberhausener Hüttenwerk mit einer Strafanzeige wegen Körperverletzung zu belegen. „Man nannte uns oftmals die Spinner“, so erinnerte sich Mitstreiter Heinz Lappe vor einigen Jahren, „denn die Politiker standen oftmals weit von uns entfernt. Wir wollten ja keine Arbeitsplätze vernichten, nein, dem Arbeitnehmer seine Familie und Umwelt erhalten und sauberer werden lassen“.

Ein blauer Himmel

Es war eine Idee, deren Zeit offenbar gekommen war, und Willy Brandt griff sie auf: Als er am 28. April 1961 auf einem außerordentlichen Kongress der SPD in der Bonner Beethovenhalle sein Regierungsprogramm für die bevorstehende Bundestagswahl im März skizzierte, versprach er nicht nur Eigenheime zu zumutbaren Kreditraten, Kindergeld auch fürs zweite Kind und einen Ausbau des Straßennetzes, sondern die Chance, auch an Rhein und Ruhr bald wieder richtig aufatmen zu können: „Reine Luft, reines Wasser und weniger Lärm dürfen keine papierenen Forderungen bleiben“, so Brandt, denn: „Erschreckende Untersuchungsergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Verschmutzung von Luft und Wasser eine Zunahme von Leukämie, Krebs, Rachitis, Blutbildveränderungen sogar schon bei Kindern festzustellen sind. Es ist bestürzend, dass diese Gemeinschaftsaufgabe, bei der es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, bisher fast völlig vernachlässigt wurde. Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“

So retten wir das Klima!

Blau, haha, echt witzig. Die Brandtsche Formel war bis auf weiteres so abwegig, dass „Der Spiegel“ ein paar Monate später, im August 1961, die Formel „Blauer Himmel über der Ruhr“ mit einem Bild qualmender Industrieschlote illustrierte. Und drinnen, in der Titelgeschichte, zählte die Redaktion mit merklichem Schauder die Anlagen auf, die das Ruhrgebiet „unter Dauerfeuer halten“: 56 Thomas-Stahlkonverter, 75 Zechen- und 18 weitere Kohlekraftwerke, 82 Hochöfen „mit einem Rattenschwanz von Stahlschmelz- oder Tieföfen“, 17 Zementwerke und Ölraffinerien sowie 1976 dampfgetriebene Bundesbahn- und Werkslokomotiven.

Nur höhere Schornsteine

Ahnte Brandt den technologischen Wandel und den Trend zum Umweltschutz? Wolfgang Schmidt von der Berliner Willy-Brandt-Stiftung jedenfalls weiß zu berichten, dass der spätere Bundeskanzler sich die Sache 1961 allzu simpel vorgestellt hatte. In einem Interview mit dem ZDF-Journalisten Horst Schättle bekannte er jedenfalls 1988, er habe geglaubt, dass es schon reichen könnte, einfach die Schornsteine ein bisschen höher zu bauen...

Nun, höhere Schornsteine gab es später auch, genauso wie manchen Rückschlag im Kampf gegen die Luftverschmutzung. Am 17. Januar 1979 stieg die Schwefeldioxid-Konzentration in der Luft so hoch an, dass das Land Smog-Alarm der Stufe 1 fürs westliche Revier auslöste. Sechs Jahre später galt gar Stufe 2 und in großen Teilen der großen Ruhrgebiets-Städte für mehrere Stunden ein Fahrverbot für Autos. Heutzutage geht’s eher um Ozon oder Feinstaub – auch dies problematisch, aber optisch weniger aufdringlich.

Denn der Himmel über dem Ruhrgebiet ist trotzdem – blau.

Wolfgang Kintscher

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Kommentare
26.04.2011
18:42
Wie der Umweltschutz im Ruhrgebiet ankam
von ReinhardMielke | #4

Der Artikel gibt doch eine gute Zusammenfassung von diesen Abschnitt in der Geschichte des Ruhrgebiets wieder. Die Arbeitsplätze in der Energie-Industrie gingen, andere kamen. Der Schrumpfungsprozess mag manchem nicht schmecken, der glaubt, die Wirtschaft müsste immer wachsen. Auch die Natur kennt Substanzabbau, ohne dass der Organismus zum Tode verdammt ist.

25.04.2011
17:14
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von wohlzufrieden | #3

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25.04.2011
17:02
Wie der Umweltschutz im Ruhrgebiet ankam
von Smartdriver | #2

Der Umweltschutz kam und die Arbeitsplätze gingen, so ist es bis heute!
Wir werden von der schönen sauberen Luft leben müssen....

25.04.2011
13:26
Blockierter Kommentar.
von olude | #1

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