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Weiß der Geier

27.05.2009 | 20:01 Uhr
Weiß der Geier

Aller guten Dinge sind drei: Diesmal dürfte der 47-Jährige Sozialdemokrat den Sprung ins Europäische Parlament schaffen

Er hat wieder das ganze Debatten-Programm gehabt: Vom Krümmungswinkel der Gurken bis zu den Job-killenden polnischen Fliesenlegern, von der Berg- und Talfahrt des Euro bis zu den korrupten EU-Parlamentariern, die sich nur flugs in die Anwesenheitsliste eintragen und danach heim fahren. Und nun auch noch das, ein Anwohner hat's entdeckt: Drei tote Küken pflastern Jens Geiers Weg ins Europäische Parlament. Weil gedankenlose Parteifreunde es an der Holsterhauser Straße nicht vermocht haben, beim Plakateaufhängen am Laternenpfahl auf ein Vogelnest Rücksicht zu nehmen.

Geier zuckt mit den Achseln, es tut ihm leid, er kann nichts dafür. Aber schuld, oder sagen wir mal: ein bisschen verantwortlich ist er in diesen Tagen doch. Für alles und jedes, fürs europäische große Ganze, für die Rentenformel, aber auch fürs Dellwiger Freibad „Hesse”, aus dessen Schwimmbecken der Stöpsel gezogen werden soll. So ist das, wenn einer nach einer längeren Wahl-freien Zeit unterm roten Sonnenschirm in der wahlkämpferischen Frontlinie steht: „Da kann ich ja nicht sagen: Da sage ich nix zu, ich bin nur für Europa da”.

Platz 10 reicht für einen

Platz auf dem Stimmzettel

Dabei ist es eigentlich genau so: Wenn irgendwas ist mit Brüssel oder Straßburg und all dem dazwischen? Weiß alles der Geier. Seit gut zehn Jahren verlässt man sich auf ihn, und nun wird der 47-Jährige in der Tat Essens Mann für Europa. Nur er als Sozialdemokrat hat angesichts der Kandidatenlage und der durch die Parteien zugeteilten Listenplätze Chancen, oder diesmal besser: die beruhigende Gewissheit, ins Parlament einzuziehen: Er steht auf Platz 10 der SPD-Liste und damit sogar auf dem Stimmzettel, wenn ihn denn dort jemand suchen sollte.

Platz 10 bei derzeit 23 Abgeordneten, da k a n n ja nichts anbrennen, aber das hat Jens Geier schon einmal gedacht: 1999, als er für Europa antrat und die Rüttenscheider Straße so wie dieser Tage mit seinem Konterfei plakatiert war „wie die Stalin-Allee”. Eine Bürokraft für Brüssel war bereits ausgeguckt, das Hin- und Herpendeln zwischen Essen, Brüssel und Straßburg mit seiner Frau und dem damals noch kleinen Kind ausgekaspert, und erste Themen auf europäischer Ebene hatte er sich auch schon ausgeguckt. 40 Genossen saßen damals vor der Wahl im EU-Parlament, Geier hatte Listenplatz 35; was, bitteschön, sollte da passieren?

Dies: Die SPD schmierte an jenem 13. Juni 1999 ab, die Kandidatenliste zog nur bis Platz 33, und der Traum von Europa war für Geier im Eimer.

Das Adrenalin des Wahlabends, die Erschöpfung nach so vielen Wahlkampfterminen – das alles sorgte dafür, dass Jens Geier eine gute Woche brauchte, um sich über seine missliche Lage so richtig klar zu werden.

Dabei war es nicht das erste Mal, dass für den jungen Politiker, der es immerhin mal bis zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten gebracht hatte, eine politische Karriere jäh abstürzte. Sieben Jahre zuvor war ihm als ehemaligem Mitarbeiter im Essener und Brüsseler Büro des SPD-Europaabgeordneten Detlev Samland ein echter Karrieresprung geglückt: nach Bonn, wo er als persönlicher Referent von SPD-Parteichef Björn Engholm der Bundestagswahl 1994 entgegenfieberte. „Dann gehst du mit Björn ins Kanzleramt und machst die Republkik glücklich”, so hatte er sich das gedacht. Dass es ganz ganz anders kam, ist längst Teil der bundesrepublikanischen Geschichte: In den Nachwehen der Barschel-Affäre trat Engholm zurück, und Jens Geier fand sich als Mitarbeiter im Büro von SPD-Vize Heidemarie Wieczorek-Zeul wieder.

Es folgte: Wahlvorbereitende „Konkurrenzbeobachtung” im Auftrage der SPD und ein Job bei der landeseigenen Projekt Ruhr GmbH, wo Geier für die Verteilung von EU-Fördermitteln zuständig war.

2004 dann der zweite Anlauf für Europa, aber gemessen an dem tiefen Fall ins Wahlloch fünf Jahre zuvor, ereilte ihn diesmal eine Klatsche mit Ansage: Wieder stand Geier auf Listenplatz 35, doch ins Parlament zogen durch das grottenschlechte Stimmergebnis der Sozis gerade mal 23 sozialdemokratische Abgeordnete. Geier wechselte zur Innova AG, einer heute zum Deloitte-Konzern zählenden Firma, die sich um Stadtumbau-Projekte kümmert.

Anerkannt, dass er beim

Thema drangeblieben ist

Und jetzt der dritte Anlauf von Essen nach Europa. In einer großen Partei alles andere als selbstverständlich, auch wenn Jens Geier angesichts des Wahlsystems und der Ergebnisse keine individuelle Schuld angekreidet wurde. Für die dritte Chance musste er auf einem Parteitag immerhin auch den DGB-Kreisvorsitzenden von Duisburg-Niederrhein auskontern, was seinen Rückhalt im eigenen Lager zeigt. „Erwarten Sie keine Dankbarkeit”, heißt ein alter Politikerspruch, aber „vielleicht findet es eine gewisse Anerkennung, dass ich bei dem Thema Europa drangeblieben bin”, dass er nicht weiterhüpfte wie so viele.

Den EU-Finanzen und der Regionalpolitik würde er sich gerne widmen, wenn man ihn denn am 7. Juni lässt. Im Wahlkampf hat es bereits funktioniert: „Du bist noch gar nicht dabei”, schildert Geier die Reaktion des Publikums, „aber für die Leute gehörst du schon dazu: Ihr da im Parlament...”

WOLFGANG KINTSCHER



Kommentare
03.06.2009
12:50
Weiß der Geier
von Ruhry | #5

Gibt es irgendwas was Herrn Geier dazu befähigt (Ausbildung, Beruf, etc.) ein Abgeordnetenamt bei der EU auszufüllen oder reicht eine Karriere als Kofferträger für hochrangige bis zweifelhafte Politiker aus? Ich habe eher den Eindruck hier soll ein Parteisoldat auch mal endlich die süssen Früchte eines Parlaments auskosten.
Sorry, diese Bewerbung hat mich trotz Wahlkampfhilfe durch die NRZ nicht überzeugt.

03.06.2009
00:30
Weiß der Geier
von Roland Remschert | #4

Volle Zustimmung, globili!

31.05.2009
20:33
Weiß der Geier
von globili | #3

Herr Geier, außerhalb der SPD ein Unbekannter! Beispielhaft wird ein verdienter Parteigenosse mit einem lukrativen, sicheren Posten belohnt. Das wird die Europawahlbeteiligung nicht verbessern.

29.05.2009
22:27
Weiß der Geier
von Steele | #2

Na, von wem sonst. In Essen ist auf den CDU Plakaten ja der OB-Kandidat zu sehen....

29.05.2009
11:33
Weiß der Geier
von Robster | #1

Ist die NRZ jetzt das Wahlkampfblatt von Herrn Geier?

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