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Vom Goldschmied zum Tellerwäscher

21.12.2007 | 20:15 Uhr

ARBEIT. Wie auf Schloss Hugenpoet das Märchen von der Integration Schwerbehinderter in die Berufswelt Wirklichkeit wurde.

300 INTEGRATIONENIm November 2007 waren 2050 schwerbehinderte Menschen bei der Agentur für Arbeit beschäftigungslos gemeldet. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen liegt seit längerem bei 4,5 bis fünf Prozent. 1200 der Schwerbehinderten ohne Job sind länger als ein Jahr arbeitslos und im Job-Center registriert. In diesem Jahr zählte die Agentur bisher rund 300 "Integrationen Schwerbehinderter in den Arbeitsmarkt", wie es in Amtsdeutsch lautet. Heißt: Die Betroffenen fanden selbstständig eine Arbeit oder wurden klassisch (in 75 Fällen) durch die Agentur vermittelt.

Booohh! So etwa staunt Norbert Jost in sich hinein an seinem ersten Arbeitstag im Schlosshotel Hugenpoet. Es ist Mitte Juli 2007, eine Mitarbeiterin zeigt ihm das Fünf-Sterne-Haus in Kettwig. Doch die Ehrfurcht weicht ganz schnell der Herausforderung: Der Neue soll als einer von derzeit fünf Spülern in den beiden Restaurants Nesselrode und Hugenpöttchen für blitzblankes Geschirr sorgen. Norbert Jost schaut sich um, liest seinen neuen Kollegen von den Lippen ab.

Seine Reaktion nach seinem ersten Eindruck: "Ich mach' es, das ist besser, als arbeitslos zu sein." Und genau das macht den oft verschmitzt lächelnden Mann so sympathisch: Er prahlt nicht und bekommt keinen Höhenflug im vornehmen Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert. Er krempelt die Ärmel hoch. "Das ist doch ganz normal", findet Norbert Jost. Doch sein Weg ins Schloss Hugenpoet ist außergewöhnlich. Der von Geburt an gehörlose Mann, gelernter Goldschmied, lange Jahre in seinem Beruf beschäftigt, zuletzt aber anderthalb Jahre arbeitslos, hat sein Handwerk an den Nagel gehängt. Vom Goldschmied zum Tellerwäscher - wie geht das?

19 Monate lang findet er keinen Job

Mitte der 70er Jahre absolviert Norbert Jost eine außerbetriebliche Ausbildung zum Goldschmied. Danach arbeitet er in einer Firma in Bochum, die ihn aus betrieblichen Gründen nach zehn Jahren entlassen muss. Er findet eine befristete Anschluss-Beschäftigung für ein Jahr, insgesamt kommt er im Lauf der Zeit auf sechs Stellen, zwischen denen er immer wieder kurz ohne Job ist. Aber zuletzt will es einfach nicht mehr klappen, Norbert Jost ist 19 Monate lang ohne Beschäftigung. Eine harte Zeit, "ich hatte immer Lust zu arbeiten und konnte es mir ohne Arbeit gar nicht vorstellen".

Claudia Maler vom Integrationsfachdienst für Hörgeschädigte beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) übersetzt bei diesem Gespräch mit der NRZ freundlicherweise als Gebärdendolmetscherin.

Als sich gar nichts zu bewegen scheint, liest Norbert Josts Mutter in der Zeitung einen Artikel über die Vermittlung eines Hörgeschädigten in eine Stelle durch Michael Hendricks von der Agentur für Arbeit. Sie ruft ihn an, er besucht die beiden in Rüttenscheid, wo die 84-Jährige in Nachbarschaft zu ihrem Sohn lebt. Michael Hendricks will Norbert Jost wieder als Goldschmied vermitteln, "40 bis 50 individuelle Anschreiben an Betriebe" später, verabschiedet er sich von diesem Ziel. "Es gab so gut wie keine Resonanz", sagt der Vermittler. "Den klassischen Arbeitsplatz des Goldschmieds, der nur in der Werkstatt arbeitet, gibt es nicht mehr. Das können sich die Unternehmen nicht mehr leisten", erfährt Michael Hendricks. "Zunehmend kommt es heutzutage auf die Präsenz im Laden an und die Gespräche mit Kunden." Und da wird es schwierig für den gehörlosen Norbert Jost.

Michael Hendricks ist seit drei Jahren darauf spezialisiert, Arbeitgeber und schwerbehinderte Arbeitslose zusammenzubringen. Firmen, die die Ausgleichsabgabe zahlen, weil sie keine Schwerbehinderten einstellen, interessieren ihn besonders. Er schreibe zwei, drei Mal im Jahr rund 2500 Firmen an, um sie zu ermuntern, bei Stellenausschreibungen auch Menschen mit Handicap eine Chance zu geben. Darauf gibt's "wenig Reaktionen", doch Hendricks bleibt dran. Er will, dass sich im konkreten Fall der Effekt einstellt: "Ich ruf' den Hendricks an. Deshalb streue ich breit und suche Nischen."

Bei Norbert Jost findet sich eine. Das Schloss Hugenpoet sucht gerade Spülkräfte und Zimmermädchen, als sich Mutter Jost an Michael Hendricks wendet. Nach einem Gespräch zwischen Agentur und Schloss erhält Norbert Jost bald seine Chance: mit einer Woche Probeeinsatz, anschließender dreimonatiger Brutto-Lohn Übernahme durch die Agentur für Arbeit und schließlich unbefristeter Übernahme in eine Vollzeitstelle, die nun der Arbeitgeber finanziert.

Hugenpoet-Chef Michael Lübbert sagt über seinen einzigen schwerbehinderten Beschäftigten unter insgesamt 90 Mitarbeitern: "Norbert Jost ist ein absolut positiver Mensch, er macht einen tollen Job." Hat der Gehörlose eine Art Behinderten-Bonus? "Kein Stück. Wir haben bei Herrn Jost nichts anders gemacht als bei anderen Bewerbern. Er ist ein absolut gleichwertiger Mitarbeiter", sagt Michael Lübbert. "Er würde, was aber bisher nicht geschehen ist, einen Anschiss bekommen wie jeder andere."

Die einzigen Bedenken, die Lübbert anfangs hat: "Wie geht ein Goldschmied mit einer derartigen körperlichen Herausforderung um?" Der schmächtige Jost nimmt sie an. Und: keine Spur von Verständigungsproblemen. Im Gegenteil: "Norbert Jost lehrt uns im positiven Sinn, bewusst zu kommunizieren", so Michael Lübbert. Mit Blickkontakt, klaren Aussagen, Feingefühl für Augenblicke, Nuancen, Momente.

Norbert Jost hat eine Fünf-Tage-Woche im Zweischicht-System, von 8 bis 15 Uhr und 15 Uhr bis Mitternacht. Der Weg zur Arbeit ist kein Problem, der 48-Jährige fährt mit dem Auto, "ich habe mit zwei Spiegeln alles im Blick".

In den Restaurants herrscht Trubel in den Hoch-Zeiten, der an einem Gehörlosen keineswegs vorbei geht. "Am Anfang habe ich nur geguckt und geguckt. Alles muss schnell, schnell, schnell gehen. Aber inzwischen ist das normal." Vieles, was wir hören, fühlt er durch Vibrationen. Während des Interviews sieht er manchmal verstohlen auf die Uhr. Na ja, gleich ist Feierabend, und er will noch einiges schaffen#1#20

"Als Goldschmied war es langweiliger"

Das sagt er nicht so direkt und erst auf Nachfrage. Wie er auch bei der Frage nach den Erfahrungen mit der Agentur für Arbeit erst mal die wirklich positiven Dinge erwähnt. Und dann vorsichtig einschiebt, dass das "nicht immer gut" war und man sein Anliegen am Anfang nicht sofort ernst genommen habe. "Meine Mutter rief an, machte Druck." Was das nicht alltägliche Engagement von Michael Hendricks nicht schmälern soll.

Es hat sich am Ende gelohnt. Jost, verheiratet mit einer Gehörlosen, die als Schneiderin arbeitet, ist "sehr zufrieden. Ich bin gerne hier. Zwischendurch kann man auch mal einen Spaß machen, aber das Wichtigste ist die Arbeit." Norbert Josts schönes, erstaunliches Fazit: "Es ist besser jetzt, als früher als Goldschmied. Ich treffe hier mehr Menschen. Als Goldschmied war es langweiliger."

SUSANNE STORCK

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Kommentare
21.12.2007
21:35
Vom Goldschmied zum Tellerwäscher
von C. Miloszewski | #1

In der heutigen Zeit ist dieser Artikel ein positiver Aspekt, der auch anderen mehr Mut machen sollte, sich anderweitig zu orientieren. Dann klappt es auch mit ein wenig Glück, eine Stellung zu finden.
Hochachtung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber!

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