Schotten sich Migrantenvereine im Fußball zu sehr ab?
16.02.2012 | 07:55 Uhr 2012-02-16T07:55:00+0100
Essen. Einige Fußballvereine wie NK Croatia sprechen durch ihre Namensgebung gezielt Migranten an. Ihre Rolle bei der Integration ist jedoch umstritten. "Viele bleiben einfach unter sich“, sagt Norbert Müller, Geschäftsführer des Fußballkreises Essen Nord-West.
Al-Arz Libanon gegen NK Croatia. Das klingt nach einem internationalen Fußball-Länderduell. Und irgendwie ist es das sogar, allerdings auch ein Pflichtspiel der Kreisliga A. Die beiden Vereine gehören zu den rund ein Dutzend Essener Amateurclubs, die sich mit ihrer Namensgebung an Fußballer mit Migrationshintergrund richten. Ihre Rolle als Integrationshelfer ist jedoch umstritten.
Die eine Seite behauptet: „Da kann man leider nicht von Integration sprechen, viele bleiben einfach unter sich“, sagt Norbert Müller, Geschäftsführer des Fußballkreises Essen Nord-West. Vehement widerspricht dem Nemr Fakhro, Vorsitzender des Al-Arz Libanon: „Unser Verein wurde im Sinne der Integration gegründet.“
Herr Bomheuer, kennen Sie das Fußball-Zitat des Philosophen Albert Camus?
Nein, ich bin aber gespannt.
„Alles, was ich über Zivilisation weiß, habe ich vom Fußball gelernt.“
Schön! Das zitieren Sie aber nicht ohne Hintergedanken.
Stimmt. Worauf ich hinaus will: Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn sich Vereine mit Namen wie Al-Arz Libanon formieren?
Dass wir in Sachen Integration noch einen weiten Weg vor uns haben. Es sagt gleichzeitig aber auch aus, dass unsere Gesellschaft multikulturell und vielfältig ist. Und das es offensichtlich Menschen gibt, denen der Zugang in deutsche Vereine offensichtlich nicht so leicht fällt, wie es wünschenswert wäre.
Fußballvereine, die den nationalen Aspekt so in den Vordergrund stellen, müssen Sie doch irritieren.
Tja, es sieht so aus, dass das manche Menschen für erforderlich oder notwendig halten, aus welchen Gründen auch immer. Ich kann mir da sozialpsychologische Gründe vorstellen, etwa, dass es als schön empfunden wird, unter seinesgleichen zu sein. Sich dem Fremden zu stellen, ist immer schwer, aber erforderlich. Das gehört für mich in einer aufgeklärten Gesellschaft dazu.
Das Fremde begegnet den Bio-Deutschen, die gegen Migrantenvereine spielen, nicht mehr als Randerscheinung, sondern in geballter Mannschaftsstärke. Rühren daher die Ressentiments?
Zumindest einige Befürchtungen, ja, ich glaube schon. Mit der Mannschaft reisen ja auch die Eltern oder die Anhänger an, die allesamt einer bestimmten Kultur und Nationalität angehören. Das ist auch Ausdruck von Vielfalt, aber damit kann nicht jeder umgehen.
Wohl eher ein Ausdruck von Einfalt. Nur Deutsche oder nur Libanesen oder Türken in einer Mannschaft ist doch nicht zielführend...
...und hoffentlich nicht die Regel. Nehmen Sie doch etwa den FC Saloniki. Da spielen nicht nur Griechen, die Mannschaft ist bunt gemischt. Und nehmen Sie die MTG Horst, das Beispiel macht mir richtig Mut (der Verein wurde jüngst von der Bundeskanzlerin für seine Integrationsarbeit ausgezeichnet, Anm. d. Red.). Die haben ihr Klientel im Stadtteil angesprochen. Ich finde es ganz toll, was da passiert. Die MTG zeigt, dass wir mit unseren Integrationsbemühungen nicht in einer Sackgasse stecken, sondern dass es Wege gibt.
Nun ist von Vereinen zu hören, die sagen, „wir wollen nicht gegen Migrantenvereine antreten, weil es da immer Streit und Schlägereien auf dem Platz gibt“.
Wir haben das im Sportausschuss mal thematisiert, zusammen mit Ligavertretern. Es gibt Ängste und Befürchtungen, ja. Aber viele davon haben keine Grundlage. Und manchmal fehlt schlicht das Wissen oder die Sensibilität für andere Kulturen.
Die große Integrationsmaschine Sport gerät durch die Migrantenvereine also nicht ins Stottern?
Nein. Das schöne am Sport ist doch: Es gibt feste Regeln. Die versteht jeder, selbst wenn man nicht die Sprache des Landes spricht. Diese Regeln machen Sinn, denn sie lassen das Spiel gleichberechtigt und fair ablaufen. Ob an der Copacabana oder in Steele. Der Sport ist als soziales Phänomen, nach dem Motto „Wir siegen gemeinsam“, der Bereich, in dem große Chancen liegen. Hier werden Unterschiede ausgeglichen. Und wenn ein Kanadier im Team ist, dann gehört er eben dazu.
Sie halten es also mit dem Schriftsteller Henning Mankell: „Gott segne die multikulturellen Teams.“
Gott erhalte kulturelle Vielfalt, finde ich gut.
Das Gespräch mit Andreas Bomheuer führte NRZ-Redakteur Nikolaos Georgakis.
2008 schloss sich Fakhro mit sieben libanesischen Fußballern zusammen, um einen eigenen Verein zu gründen. Schnell scharten sich weitere Landsleute um den heutigen Vorsitzenden, der selbst einst in der 4. Liga spielte. „Wir haben Leute, die sonst niemand in der Mannschaft haben wollte“, sagt Fakhro. Vorurteile gegenüber Disziplin und Einstellung habe viele seiner Spieler aus ihren vorherigen Vereinen getrieben. Mit Al-Arz stiegen sie nun in drei Jahren zweimal auf.
Dauernd Ärger mit Migranten-Klubs
Wo Fakhro von Vorurteilen spricht, wird Norbert Müller konkreter. In seinem Kreis spielen, bis auf eine Ausnahme, alle Migrantenvereine – und immer wieder gebe es Ärger. So berichtet Müller von Beleidigungen, aufgebrochenen Kabinen oder Handgreiflichkeiten bei Duellen mit oder zwischen Vereinen mit hohem Migrantenanteil.
Das Thema „Fußball und Integration“ beschäftigt deshalb auch immer wieder den Integrationsrat. „Es geht dabei immer nur um Konflikte“, ärgert sich Peter Mertner, Leiter des Arbeitskreises Sport. Versuche, die Essener Clubs gemeinsam an einen Tisch zu bringen, scheitern jedoch regelmäßig. „Gerade Vereine aus dem städtischen Süden sperren sich da oft und wollen nach Vorfällen nichts mehr mit der anderen Seite zu tun haben“, erklärt Mertner.
Eine Patentlösung, um Migranten und Deutsche auf dem Platz und in den Vereinen zu einen, kennt auch der Vorsitzende des Essener Sportbunds (Espo), Wolfgang Rohrberg, nicht. „Das ist eine schwierige Geschichte“, resümiert er. Ähnlich wie Mertner sieht auch er die übrigen Vereine als mitverantwortlich. „Von nichts kommt nichts“, könnte man denken, wenn Rohrberg erklärt: „Kann ein Spieler mit Migrationshintergrund während seiner religiösen Fastenzeit nicht Vollgas geben und wird dann als Lusche dargestellt, ist es doch klar, dass er lieber mit Gleichgesinnten kickt.“
Jeder Verein darf sich zum Spielbetrieb anmelden
Also gründet man lieber eigene Vereine, in denen die eigene Religion und Kultur akzeptiert wird. „Aber das ist doch auch keine Lösung“, meint Rohrberg. Einfach verbieten kann und will er die Klubs nicht. Solange das Vereinsrecht erfüllt und Platz auf einer der 61 Essener Sportstätten gefunden wird, darf sich jeder Verein zum Spielbetrieb anmelden. Vielmehr möchte Rohrberg erreichen, was in anderen Sportarten längst Usus ist: ein Miteinander. Um das zu schaffen, soll nun eine Fachtagung am 5. Mai helfen, bei der Experten, Vereine und Integrationsrat über die Situation beratschlagen.
„Die Migrationsvereine müssen verstehen, dass sie keiner benachteiligen will“, sagt Rohrberg. Viel zu oft sei das der Fall, wenn beispielsweise bei gemeinsamer Platznutzung das Vereinsheim durch den anderen Verein betrieben wird. Der Espo-Chef erklärt: „Wir arbeiten daran, dass wir gleiche Chancen bieten“, wenn jedoch der andere Verein das Vereinsheim seit jeher betreibe und auch einen Großteil der Platzmiete übernimmt, dann habe das nichts mit Ungerechtigkeit zu tun.
Doch Integration funktioniert nicht nur durch gemeinsames Fußballspielen. Deshalb möchte auch Al-Arz Libanon ein eigenes Vereinsheim. Auf der Bezirkssportanlage Bäuminghausstraße, wo der Verein seine Heimspiele austrägt, steht keins zur Verfügung. „Wir wollen die Jugendlichen in Altenessen von der Straße holen, dafür brauchen wir eine Unterkunft“, erklärt der Vorsitzende Nemr Fakhro die Beweggründe. Dann könne der Verein auch seiner Integrationsaufgabe besser nachkommen. Erste Gespräche mit der Stadt wurden bereits geführt.
FC Saloniki als Vorbild
Vorbild für andere Migrationsvereine könnte der FC Saloniki sein. 1965 gründeten griechische Gastarbeiter den Verein in Altenessen. In fast 47 Jahren entwickelte man sich zu einem festen Teil der Essener Amateurfußballszene, mit funktionierender Jugendarbeit und einem guten Ruf.
Doch auch das Problem des „unter-sich-Bleibens“ kennt man. In den ersten Jahren sei der FC Saloniki ein Verein von Griechen für Griechen gewesen, erinnert sich der Vorsitzende Demos Tassikas. „Da kamen die Landsleute aus ganz NRW zu uns, um ein Stück Heimat zu haben.“ Irgendwann habe man sich dann aber immer mehr geöffnet und plötzlich spielten Griechen und Deutsche gemeinsam. „Heute kommen Spieler aller Nationen, egal ob Griechen, Iraker oder Deutsche zu uns.“ Der Verein sei „multikulturell und verbindend, so wie Fußball sein soll“, freut sich Tassikas. Eine hoffnungsvolle Entwicklung.