Pflegerinnen machen Urlaub möglich
21.09.2010 | 14:56 Uhr 2010-09-21T14:56:00+0200
Essen.Zwei Wochen Dänemark: Kinderpflegerinnen des Elisabeth-Krankenhauses haben einem schwerstbehindertem Jungen einen Familienurlaub ermöglicht. Alle haben freiwillig gearbeitet.
Die Haare flattern im Wind. Jens (Name geändert) ist ganz ruhig, lässt den Blick wandern. Der Fünfjährige stöhnt nicht, hustet nicht. Diesmal nicht. Der schwerst mehrfachbehinderte Junge ist erstmals in seinem Leben ein echter Pirat. Auf einer großen Schiffschaukel im dänischen Legoland schwingt er sich mit den Kinderkrankenschwestern Conni und Sandra in die Luft.
Seit etwa einer Woche sind sie wieder in Essen, im Gepäck hatten sie eine bleibende Erinnerung: Mit strahlenden Augen berichten sie von ihrem Dänemarkdienst. Mit fünf Pflegerinnen und Geldspenden sorgte der ambulante Kinderpflegedienst „Kängurus“ des Elisabeth-Krankenhauses im 24-Stundendienst dafür, dass Jens mit seiner Familie zwei Wochen Urlaub im dänischen Rømø machen konnte.
Alle haben sich freiwillig gemeldet
„Auf der Schiffschaukel hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, dass es ihm Spaß machte“, sagt Schwester Sandra. Das ist viel. Sprechen kann der Fünfjährige nicht. Laufen, sitzen oder stehen auch nicht. In seinem Rollstuhl muss Jens festgeschnallt werden. Seit zwei Jahren ist das so, seit er nach einem Unfall geistig und körperlich behindert ist. Aufs Karussell passt aber kein Rolli. „Wir setzten ihn zwischen uns. Je eins seiner Beine lag über einem unserer Oberschenkel. Das hat gut geklappt“, sagt Schwester Conni. So gut, dass die drei noch eine Runde schaukelten.
„Für das Kind war es super, es hat gut mitgemacht. Eben wie ein normaler Fünfjähriger“, sagt Sandra. Zwar arbeitet die 33-Jährige seit neun Jahren als Kinderkrankenpflegerin, doch so eine Dienstzeit hatte sie nie. Genau wie die vier anderen Schwestern: Conni, Christiane, Nina und Sahra. Sie alle machten den Dänemarkdienst erst möglich, weil sie sich freiwillig meldeten. Hinzu kamen Spenden der australischen Textilmarke Roadsign und des Verpackungsspezialisten Axilone, gedacht für Sonderprojekte der Kängurus. So wie der Urlaub. Krankenkassenleistungen gibt es dafür nicht.
Sauerstoff musste geliefert werden
Für den Inselurlaub waren zig Boxen mit medizinischem Material nötig: Nahrung, die man per Magensonde verabreicht, Pampers, ein Stehtrainer, der Rolli und Sauerstoff. Bei Jens zu Hause steht ein 60-Liter-Sauerstofftank, damit er im Notfall beatmet werden kann. Im Handgepäck nimmt man den aber nicht mit. Die Flasche wurde ins Ferienhaus geliefert. „Wir haben uns echt Gedanken gemacht, aber das kam alles vor der Anreise an“, sagt Schwester Christiane, die in Wechselschicht mit Sandra die erste Pflegewoche organisierte.
„Das Zimmer war wie eine Abstellkammer. Mit den Medizingeräten war das nicht einfach“, erinnert sich Schwester Christiane. Eine Portion Akrobatik gehörte dazu, zumindest für kleine Pflegerinnen. „Fürs Waschen, Cremen und Versorgen brauchten Sandra und ich einen Hocker“, sagt die 48-Jährige. Statt im verstellbaren Pflegebett lag Jens oben im Hochbett.
„Wir alle würden Kindern so einen Urlaub ermöglichen. Aber dafür muss man eigene Bedürfnisse zurückstecken“, sagt Sandra. Zu fünft arbeiteten die Kängurus, wo normalerweise ein zehnköpfiges festes Team rotiert. Auch die Freizeit kam zu kurz. „Wenn man vom Dienst kam und frustriert oder wütend war, weil das Kind nicht schlafen konnte und gekrampft hatte, wurde man die Gedanken nie richtig los“, erklärt Nina, die die Nachtdienste der zweiten Woche schulterte. Familie und Freunde waren zum Reden zu weit weg. Die anderen Pflegerinnen sah man selten, erst in der zweiten Woche waren sie zu dritt vor Ort. Die Insel war schnell erkundet. Zu viele Stunden saß man alleine im Hotelzimmer, nahe der Ferienwohnung gelegen, und wartete auf seinen Dienst.
Hilfe für Zuhause
„Es war psychisch viel anstrengender als hier, weil man so nah in der Familie arbeitete“, findet Schwester Christiane. Sonst pflegen die Kängurus Jens im Kindergarten und zu Hause. Sie entlasten die Eltern, die mit dieser Unterstützung berufstätig sein können. In Dänemark waren die Pflegerinnen erstmals 24 Stunden Teil der Familie. Doch was zählt, ist der Ausflug zum Strand, die Reise aufs 40 Bootsminuten entfernte Sylt, wenige Sonnenstrahlen an einem Regentag. Vor allem Legoland bleibt in Erinnerung – wenn’s nach den Kängurus geht, wird Jens bald wieder ein Schiffschaukelpirat.
Die ambulante Kinderkrankenpflege „Die Kängurus“ des Elisabeth-Krankenhauses pflegt seit 2007 erkrankte Kinder zuhause, aber auch in der Schule oder im Kindergarten. Derzeit betreuen 28 Pfleger pro Monat gut 170 Kinder, die zu früh geboren wurden, chronisch oder akut erkrankt sind, eine Behinderung haben oder sich nach einer Operation erholen. Das Team fährt dabei auch bis nach Dorsten, Bottrop oder Hattingen. Einige Kinder werden rund um die Uhr betreut.
22:16
Ich habe Respekt vor Euch! Hut ab!
20:55
Das ist eine tolle Leistung - Respekt