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Rassismus

Rassismusdebatte um Schwarze auf Schauspielbühnen

16.02.2012 | 20:02 Uhr
Rassismusdebatte um Schwarze auf Schauspielbühnen
von William Shakespeare Premiere am 8. September 2006 im Grillo, Schauspiel Essen Inszenierung: Anselm Weber Bühne: Raimund Bauer Kostüme: Werner Fritz Musik: Wolfgang Siuda Andreas Grothgar (Othello)Foto: Thomas Aurin

Essen.   Die deutschen Schauspielbühnen gehören den Weißen. „Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft so weit ist, einen schwarzen Faust im Theater zu akzeptieren“, sagt Christian Tombeil im Gespräch – und schiebt ein „leider“ hinterher.

Deutsche Theater sind farbenblind. Das Essener Schauspiel bildet da keine Ausnahme von der Regel. Schwarze Darsteller im Ensemble? Fehlanzeige. Anders bei Opern und Musicals, da geht es mittlerweile ein Stück farbenfroher zu. Und das Aalto kann immerhin auf die Afroamerikanerin Christina Clarkals als ständige Sängerin verweisen. Doch die Schauspielbühnen, die gehören den Weißen.

Soweit das Erinnerungsvermögen der Angestellten im Grillo-Theater jedenfalls zurückreicht, es kann sich niemand an einen farbigen Kollegen erinnern. Intendant Christian Tombeil ist sich sogar sicher, unter den zahlreichen Bewerbungsmappen von Schauspielern, die er immer wieder erhält, sei „nicht eine“ von einem schwarzen Darsteller gewesen. Einzelne Engagements für Stücke etwa, in denen der Autor ausdrücklich festgeschrieben hat, dass eine Aufführung nicht ohne „echte Schwarze“ über die Bühne gehen darf, ja, das gebe es immer wieder mal. Aber keine Festanstellung.

Othello? Bestellt schonmal Gesichtsfarbe!

Ein Mangel, der System hat. „Ich glaube nicht, dass unsere Gesellschaft so weit ist, einen schwarzen Faust im Theater zu akzeptieren“, sagt Christian Tombeil im Gespräch – und schiebt ein „leider“ hinterher. Wer es trotzdem wage, müsse sich darauf einstellen, dass seine Aufführung als Beitrag zur Zuwanderungsdebatte verstanden werde. Frei nach der Gretchenfrage: Nun sag, Herr Regisseur, sag, wie hast du’s mit der Integration. Aber der will mit dem Dichterfürst im Nacken keine Farbe bekennen.

Tombeil erinnert sich an eine Begebenheit Ende der 1980er in Stuttgart: Trotz mehrerer geeigneter Bewerber habe man auf der hiesigen Schauspielschule nur einen Farbigen aufgenommen. Die Begründung damals: Noch ein weiterer schwarzer Schauspieler habe auf dem deutschen Markt keine Chance, jemals ein Engagement an einem Schauspielhaus zu bekommen. So nah an der Alltagsrealität kann also die Bühnenwelt sein. Und so grausam.

Mag sein, dass das Theater nach Schillers Worten eine moralische Anstalt ist, die Moral unserer Gesellschaft ist ganz sicher eine doppelte. Schwarze am Stand mit gegrillten Bananen auf Multikulti-Straßenfesten fügen sich harmonisch in unser Weltbild von einer ach so bunt gewordenen Republik ein. Aber farbige Charakterdarsteller auf den Brettern, die die westeuropäische Welt bedeuten? Nein, dann doch lieber eimerweise Schminke ins Gesicht. Und immer, wenn William Shakespeares „Othello“ auf dem Spielplan auftaucht, kann schon mal die Farbe im Aalto und im Grillo bestellt werden. Der Mohr wird auch so seine Schuldigkeit tun.

Kolonialhistorisch geprägte Aufführungspraxis

Zuletzt war im Essener Schauspiel Andreas Grothgar als gezeichneter und bemalter Othello zu sehen. Im Jahr 2006 war das. Aber da passierte nicht das, was vor wenigen Tagen in Berlin für einen Skandal sorgte. Das Deutsche Theater hatte Dea Lohers Stück „Unschuld“ angekündigt, eine Auseinandersetzung um illegale Einwanderung. Auf die Bretter schickte die Regie zwei pechschwarz angemalte weiße Schauspieler, die darüber hinaus noch tomatenrote Lippen zur Schau trugen. Laut Medienberichten standen daraufhin mehr als 40 Zuschauer auf und verließen wortlos den Raum.

Die „kolonialhistorisch geprägte Aufführungspraxis“ hatte ihnen die Sprache verschlagen, aber für schriftlich ausformulierte Protestzettel hatte es noch gereicht. Diese brachten die Protestler im Foyer des Deutschen Theaters unter die Leute – und schon stand der Vorwurf des Rassismus im Raum. Ähnlich erging es Dieter Hallervorden und seinem Schauspielkollegen Herb Gardnes – nur dass der Rassismusvorwurf hier überwiegend aus dem Internet ins Steglitzer Schlossparktheater drang. Seitdem diskutieren die Feuilletons bundesweit und angeregt, was denn am Schminken rassistisch sei.

Keine törichte, sondern eine berechtigte Debatte

Dem Rassismus-Vorwurf mag sich Christian Tombeil nicht anschließen. Aber: Die Debatte sei durchaus „nicht töricht, sie ist berechtigt“. Und er hat gut reden. Denn der Intendant des Essener Schauspiels hat seit November vergangenen Jahres ein Stück auf seinem Spielplan, das genau diese Thematik mit dem Mittel der ätzenden Ironie brillant aufspießt. „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ heißt es und stammt aus der Feder von Ingrid Laus.

Es ist eine Komödie, aber das Lachen bleibt einem oftmals im Hals stecken. Denn so sehr die fünf Akteure auf der Bühne vorgeben, Afrikanern helfen zu wollen, betrachten sie doch nur selbstgerecht ihre vermeintliche Gutmenschlichkeit. Und natürlich betritt während der eineinhalbstündigen Aufführung nicht ein Mal ein farbiger Darsteller die Bühne. Aber in diesem Fall ist das genau der Witz an der Sache. Der Rest ist einfach nur traurig.

Die Komödie „Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner“ ist im Grillo-Theater am kommenden Sonntag, 19. Februar, zu sehen. Karten gibt es unter: 0201-81 22-200.

Nikolaos Georgakis


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