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Keiner allein zu Haus

23.11.2008 | 19:47 Uhr

SPD I. Aufgeräumt wie lange nicht küren die Sozialdemokraten ihre Ratskandidaten - und geben den Startschuss fürs Wahljahr 2009.

Den politischen Wechsel im Blick: Reinhard Paß, Oberbürgermeister-Kandidat der SPD und ein Teil jener sozialdemokratischen Ratskandidaten, die erstmals Chancen auf einen Einzug ins Stadtparlament haben. (NRZ-Fotos: Oliver Müller)

Ein bisschen schlechte Laune hätte ihnen niemand übel genommen. Sieben geschlagene Stunden hatten sie in einem fensterlosen Tagungssaal des Messehauses Süd gehockt, hatten 116 Anträge und das bereitgestellte Lunch-Paket mit Käse- und Schinkenbrot sowie Mettwurst durchgekaut, listenweise Kandidaten angekreuzt und einander Formulierungsdebatten geliefert. Für ein Wahlprogramm, bei dem ihnen selber schwant, dass kaum einer es Zeile für Zeile liest.

Und doch hat man Sozialdemokraten selten so beschwingt einen Parteitag verlassen sehen wie am vergangenen Samstag zur Kaffeezeit. Als Parteichef Dieter Hilser sich gar zu einer Stimmen-Prognose münteferingschen Glanzes durchrang: "Programm gut, Kandidaten gut, Wahl gut".

Keine einzige strittige Kandidatur

Was noch zu beweisen wäre, aber in der Tat steht 2009 die erste (Kommunal-)Wahl seit zehn Jahren bevor, bei der sich die Genossen nicht zu einem Gutteil durch Knatsch vor und hinter den Kulissen selbst blockieren. Mit dem kurzfristigen Rückzieher von Jens Schuhknecht für seine Ratsbewerbung in Frillendorf/Ostviertel und dem schon am Freitag verkündeten Verzicht Willi Nowacks auf eine Kampfkandidatur in Altenessen gab es für jeden der 41 Kommunalwahlbezirke zwischen Karnap und Kettwig nur einen Bewerber. Auch die gute Absicherung Sinan Kumrus als Quereinsteiger auf Platz 7 der Reserveliste - kein Problem.

Kein Wunder, dass sich mancher da selbst ein bisschen kneifen musste, ob das hier noch jene Sozialdemokraten sind, deren (Wahl-)Parteitage sonst so emotional aufgeladen wie intern gefürchtet waren.

Dass Reinhard Paß als Oberbürgermeister-Kandidat keine 100 Prozent Zustimmung einheimste, sondern nur 110 Ja- von 120 möglichen Stimmen bei sieben Neins und drei Enthaltungen - geschenkt. Immerhin kann man derlei Frustfouls den Genossen um den einstigen Frontmann Willi Nowack zuschieben, dessen Ära an diesem Samstag sang- und klanglos endete. Weil nicht einmal mehr die eigenen Altenessener Genossen den Rachezügen des einstigen Sozi-Zampanos folgen mochten.

Dass Hans-Wilhelm Zwiehoff, der nun an Nowacks Stelle in Altenessen-Süd antritt, mit einigen anderen Kandidaten das beste Wahlergebnis einheimste, gehört zum Programm: Es ist der Dank an die Genossen in Nowacks Sprengel, dass sie sich aus ihrer Nibelungentreue zu ihm gelöst haben. Und so bleibt bei der Essener Sozialdemokratie keiner allein zu Haus: Man macht sich Mut, klopft Schultern, fühlt sich stark: Reinhard Paß bekommt für seinen rhetorischen Streifzug durch ein von Christdemokraten wie er glaubt verkorkstes Essen viel Beifall, den er eilends abbricht: "Spart euch die Kraft", ruft er in den Saal, und auch Parteichef Dieter Hilser erinnert: "Ab heute beginnt der Wahlkampf."

"Die Linke wird überschätzt"

Dass den gut gelaunten Genossen mit der Linkspartei womöglich die größte Herausforderung fürs eigene Ergebnis bevorsteht - Hilser kennt die Warnungen. "Gegenüber 2004 wird die Linke in Essen sicher zulegen", sagt der Parteivorsitzende, "aber ich glaube, das Ausmaß wird überschätzt."

Als Hauptgegner sieht Hilser vielmehr die CDU - und in zweiter Linie natürlich die zuletzt für die SPD besorgniserregende Wahlmüdigkeit der eigenen Stammwähler. Denen wird man - in eigens dazu vorbereiteten Schulungen der Mandatsträger von morgen - auf die Pelle rücken, in einem Straßenwahlkampf, dessen Ankündigung sich so anhört, als wäre im Norden der Stadt ein regelrechter Häuserkampf gemeint.

"Wir sind hier zu Hause", heißt ja auch das Motto der Sozialdemokraten zur Kommunalwahl 2009. Es scheint, als müssten sie das manchem noch mal in Erinnerung rufen.Reil Endruschat Zwiehoff von Oepen Pomorin Glitza Hinz Müller

WOLFGANG KINTSCHER


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