Mitten aus dem Leben gegriffen
01.06.2012 | 22:01 Uhr 2012-06-01T22:01:00+0200
Großenbaum. Liebhaber der Dichtkunst mussten einige Monate darauf warten, doch nun fand er wieder statt: der Poetry Slam der Schul- und Stadtteilbibliothek, der in der Szene des Dichter-Wettstreits inzwischen unter dem Namen „Bib -Slam“ fest etabliert ist. Auch dieses Mal hatte Szene-Kenner und Moderator Axel Stiller für das Publikum eine illustere Auswahl begabter Slammer zusammengestellt. Das Besondere in der Gesamtschule ist dabei die Mischung, denn auch Gelegenheitsliteraten steht die Bühne der Bibliothek zur Verfügung.
Dazu gehört Bettina Wegner aus Rahm, die beim Bib-Slam keine Unbekannte mehr ist. Die 25-Jährige konnte allerdings bisher noch keinen Sieg für sich verbuchen – auch dieses Mal sollte sie nicht der Liebling des Publikums sein, das zugleich Jury ist, und wieder knapp am ersten Platz vorbeischrammen. „Gewinnen ist nicht das Wichtigste, ich möchte Spaß haben und dass die Leute Spaß haben.“ Zu lachen gibt es bei ihren Kurzgeschichten immer viel, sie sind an alltägliche Begebenheiten angelehnt, aber herrlich überzeichnet. So beschrieb sie jetzt, wie sie sich einer Jogging-Gruppe anschloss und an einen arroganten Fitnesstrainer geriet, dessen vermeintlichen Motivationshilfen aus Beleidigungen bestanden. Die Schilderung einer Party, auf der sie nur von Sonderlingen angeflirtet wurde und ungewollt ein Schäferstündchen störte, amüsierte ebenso wie das Gespräch mit einem Möchtegern-Schriftsteller, dessen Ideen allesamt gestohlen waren.
Doch wie viel von Bettina Wegner steckt in der Kunstfigur auf der Bühne? „Was ich darstelle, ist nie so passiert. Wenn ich so ein spannendes Leben hätte, würde ich keine Geschichten schreiben“, sagt die Lehramtsstudentin lachend. Ihre Inspiration holt sie allerdings aus dem wahren Leben, aus dem Duisburger Süden oder aus Köln, wo sie Englisch und Italienisch studiert. „Viele Ideen bekomme ich in der Bahn.“
Dass sie Talent hat, weiß auch Moderator Axel Stiller, der sie seit langem ermutigt, bei weiteren Veranstaltungen aufzutreten. Doch anders als viele ihrer Slam-Konkurrenten kann man Wegner ausschließlich in Großenbaum sehen. „Das ist schwierig, weil ich jedesmal zwei neue Texte schreiben muss.“ Andere touren mit erfolgreichen Texten von Stadt zu Stadt.
Dass sie „ewige Zweite“ bleibt, ärgert sie aber nicht. „Die Konkurrenz war grandios und supertoll“. Unterliegen sollte Wegner letztlich Matthias Marschalt aus Werl, der mit viel Wortwitz und Wortspielen brillierte und mit nur einem einzigen Punkt Vorsprung triumphieren konnte. „Die entscheidende Stimme bekam er von meiner Schwester“, sagt Wegner. Entmutigen lässt sie sich davon aber nicht, auch beim nächsten Bib-Slam am 27. September geht sie wieder an den Start. Vielleicht komme ihre Schwester dann in einem Text vor, scherzt sie.
Andere Bühnen reizen Wegner auch nach diesem erfolgreichen Abend nicht. „Ich mag diese Bibliothek und der Slam ist für alle umsonst.“ Die Bücherei sei nicht zuletzt durch das kostenlose kulturelle Angebot unverzichtbar, auch angesichts der desaströsen Haushaltslage der Stadt. „Ich will unbedingt, dass die Bibliothek hier bleibt und dafür tue ich, was ich kann.“ Daher nimmt sie vor allem am Poetry Slam teil und leiht hier außerdem regelmäßig Bücher aus.
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